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„Kleine Weltgeschichte“

Christl Taute

 
 

auf die welt kommen ja ich bin auch einmal auf die welt gekommen und gestern zappte ich und kam auf hermann görings lebensgeschichte schwarz weiss sah ich seinen leibesumfang mit hut und auch hirsche die er selbst fotografierte. er war gut zu leiden bei denen wo nicht durch ihn umgekommen sind. nach einem humpen bier wischte er den mund wie mein grossvater selig wischte. er sammelte kunst und stach sich morphium in die venen. und er war hitler verfallen. er mordete mit ihm und wäre gern ein renaissancefürst gewesen in glanz und gloria.

man konnte ihn nicht aufhängen weil er sich vorher umbrachte die glassplitter der kapsel so das tv fand man noch in seinem mund. eine zweite Kapsel hatte er in einer creme versteckt.

das war die zeit in der ich noch nicht richtig auf der welt war, im bauch meiner mutter ließ ich es mir gut sein. woran ich damals dachte mit meinem unterentwickelten gehirn während meine mutter am volksempfänger drehte und sich einen buben wünschte, hatte ich meine erste wahl getroffen ich wurde ein mädchen.

so ganz hat meine mutter das nie verkraftet. ich kam auf die welt und war schon fremd, zum bdm-mädchen schaffte ich es auch nicht, den rechten arm oben behalten ging nicht. im röntgen sah man nichts aber nach zwei minuten sank der arm niemand wusste warum. frühzeitig wurde ich aus allen veranstaltungen entfernt. mit viel freizeit ausgestattet erkrankte ich schwer. niemand verzieh mir dass der rechte arm nicht oben blieb. mein vater war im feld meine mutter eine daheim gebliebne feldfrau wofür sie auch bezahlt wurde. ich das daheim gebliebene feldkind war alt genug einzusehen, dass jeder irgendeine leistung für das vaterland zu erbringen hatte. also wurde ich krank. durch meine ohren bohrte sich eine infektion in den kopf den tod wählte ich nicht obwohl es mühsam war mit dem operierten kopf. diese narben hat der körper abgedeckt und vergessen.

damals hab ich nicht über die welt nachgedacht. die welt war immer da und würde immer da sein, present aber das wort kannte ich nicht nicht. die musik der sondermeldungen genoss ich. auf einem schimmel ritt ich über eine sommerwiese und das gloria galt mir. an einem kreuzungspunkt würde der könig auf einem schwarzen rappen kommen und mich meiner mutter rauben. nicht einmal im tagtraum konnte ich mir das verweinte gesicht meiner mutter vorstellen. warum sollte sie weinen, einen heldentod konnte sie von mir nicht erwarten, ich entwicklte mich nicht zu einem blauäugigen buben, da konnte der krieg so lang dauern wie er wollte.

ich kann nur sagen meine mutter liebte hitler mehr als mich. konnte ich deshalb den arm nicht oben behalten beim absingen diverser canons? ausserdem fehlte mir bei manchen texten die vorstellung, deutschland über alles, schwebte das land über der welt wie die raben in der dämmerung?

nach dem krieg war es für mich bequemer. ich konnte meine arme lassen wo sie waren. nur die phantasien meiner mutter dass hitler sich irgendwo versteckt hatte und eines tages im richtigen augenblick auftauchen würde, hielt ich wenn ich an meinen rechten arm dachte, für bedrohlich.

nach dem krieg wischten sich die menschen die augen aus und sagten: jetzt sind wir nüchtern.

ich wusste dass sie an nichts anderes dachten als ans essen, vorher musste man ‚hamstern’. Die mikrigen pelze meiner mutter wanderten aufs land, eier mehl und butter kamen zurück.wir assen sozusagen den ganzen stolz meiner mutter. zu meiner verwunderung weinte die mutter ihren pelzen nach und sagte über die bauern ‚gfraster’. ich bewunderte die bauern, für diese abgeschabten trümmer hätte ich meiner mutter kein einiziges ei gegeben, butter und mehl auch nicht.

im radio gottfried benn. er hat sich in den nazifolterkellern umgesehen mit brille und zigarre.

prevegyne vaginaltabletten zum schutz vor scheideninfektionen 2006. ja, er war hautarzt. jucken brennen gestörtes scheidenmilieu. und die vielen vergewaltigungen es war krieg. im krieg kannst du dir kein bordell suchen sagen die soldaten. sie sagen auch: im krieg wird immer vergewaltigt, das ist nun mal so. uns hat keiner gefragt ob wir in den krieg gehen wollen. die soldaten reden viel.

mein vater wurde aus der amerikanischen kriegsgefangenschaft mit einem pinzgauer pferd entlassen, weil er sagte er sei bauer. einen wagen bekam er auch zum pferd. so fuhr er über land. parteigenosse i.R. in oberösterreich nahm ihn ein bauer für pferd und wagen als knecht auf.

gottfried benn. waren die folterkeller für ihn was der faule apfel für schiller, die inspiration. der ersoffene bierfahrer in der pathologie am tisch zwischen den zähnen eine dunkelhellila aster (hat ihm wer zwischen die zähne geklemmt).

war es das gedicht das mich zum medizinstudium brachte. weil wien damals überfüllt war, machte ich die patho in graz, meine ersten frischen toten, unfalltote. es war herbst und kalt. ich wohnte schlecht, in einem alten schlafzimmer neben der hauptstrasse, klo und wasser am gang. nachts ratterten die lastwagen durch meine träume. eine aster suchte ich vergeblich in den mündern der toten. Aber ich hatte auch nicht den mut ihnen eine aus dem park zwischen die zähne zu klemmen.

habe ich die aster gewählt? Ich die tag und nacht lesende schweigsam, geprägt durch die frommen wünsche meiner mutter nicht blauäugig, nicht bub. schande im grossen reich durch das nicht obenhaltenkönnen des rechten arms.

ich sehe meine nachkriegsmutter bücklinge (geselchte fische) essend, aus denen sie die gräten mit grosser sorgfalt klaubte. die mutter schwieg und ich schwieg. notgedrungen schwiegen auch die fische.

ruhe sanft, kleine aster. so erwarb ich die zunft durch die wahl einer kleinen blume am ort des todes.

und erst mein vater. mit seinen jähzornigen leidenschaften brachte er aus dem krieg grosse unordnung in unsere gegenseitige schweigsame ablehnung.

meine mutter, die nach dem krieg auf die rückkehr des führers wartete und mein vater, dem alles zum speiben war und manchmal spie er wirklich, der stalingradinletzterminuteherausgekommene ehemalige. ich liebte ihn, er war lebendig während meine mutter abwartend bei den fischen verharrte. gottseidank kam niemand zurück, es reichte mir das tausendmal gehörte wieso kannst du deinen arm nicht oben behalten wie alle um dich herum.

die gesellschaft wandelte sich. irgendwann war hamstern out. es gab wieder schwimmlehrer und die ersten schwimmhallen in betrieb.

der zur nazistrafeimkohlenkellerarbeitende vater zahlte mir einen schwimmlehrer. wenn ich die wahl habe wasser oder berg immer wasser. der mit mir lange jahre das leben teilende mann immer berg. wir waren ein modernes kompromissbereites paar: ich ging immer auf den berg mit.

‚was wir brauchen ist ein gemeinsamer wertekanon auf der basis von gleichheit menschenwürde respekt und toleranz. wir müssen mehr kraft darauf verwenden diesen globalen wertekanon zu finden.’ irene khan von amnesty international in london. dazu ein bild aus österreichs beliebtester tageszeitung (krone): verurteilt und verkauft, peking 20. april 2001. eine frau wird nach dem todesurteil zu ihrer hinrichtung gebracht und dabei fotografiert. in china. hinrichtungen als marktversorgung für zahlende organempfänger. die organempfänger können unter umständen wählen.

ich bin alt und hab meinen beruf hinter mir: viele menschen, viele irrtümer. bald wird mir eine aster zwischen die zähne gesteckt. hoffentlich macht es wer. meine wahlmöglichkeiten sind zu diesem zeitpunkt eher klein.

das leben im hohen alter sollte durch zielgerichtete tätigkeiten aufgewertet werden, also kehre ich die stufen des steilen gartenstücks. verschiedene blätter liegen auf den stufen. vom herbst verabschiedet fliegen sie zuerst eine strecke in der noch warmen luft aber sie können nicht ewig fliegen und landen am holz das der sommer ausgezehrt hat mit bruchlinien versehen in die sie ihre stiele hineinlegen als könnten sie wachsen. aber vorbei ist vorbei. ein gewitter am abend hat mir die fenster geputzt vor allerheiligen. obwohl alle tot sind werde ich keinen kürbis aushöhlen und eine kerze hineinstellen.

über die blätter zum eurofighter. in österreich scheitern daran die koalitionsverhandlungen zwischen rot und schwarz. die politiker haben diese flugzeuge gewählt ich weiss nicht warum. den dingen auf den grund gehen ist gefährlich. im ganzen leben hab ich nur zwei menschen gekannt die in ihrer mitte ruhten. eine physiklehrerin und eine frau mit roten haaren am flohmarkt, mit der ich kaffee getrunken habe. daher bin ich bei ihr auf grund der kurzen bekanntschaft nicht ganz sicher.

ich habe holz geholt aus dem holzhaus im schneeregen. schwere scheiter für den grossen ofen, ich lebe vorbei an der sozialen morphologie unserer gesellschaften, den netzwerken ich bin noch aus zeiten, in denen die nacht vom himmel springt in schwarzen fallschirmen und dann wieder dem tag in die arme sinkt (i. aichinger). ich habe die chance verpasst von einer explodierenden granate in stücke gerissen zu werden, erinner mich aber als kind im heuhaufen versteckt von russischen bajonetten umstochen worden und unverletzt geblieben zu sein.

irgendwie stösst es mich moralinsauer auf. mit der wahl ist es so wie mit dem universum, mal dehnt es sich unendlich aus mal zieht es sich zusammen, der herzschlag in uns ist auch draussen. der nomalbürger kann nur in seinem bereich wählen, lernt er tag und nacht erreicht er was, zusätzlich kann jeder in seiner freizeit den gestrauchelten aufheben und braucht ihm nicht nachtreten.

mein alsnaziseinestrafeimkohlenkellerabdienender vater hat nachher flott gehlebt, eine frohnatur, seinen ihn tötenden tumor hat das nicht beeindruckt, meine hitlerundbücklingliebende mutter hat nie flott gelebt, in schwermut zerbrachen ihr herz und hirn. das der endzeit nicht mehr ferne kind hat sich einen silberroller gekauft weil alles lebendige muss sich bewegen wie die krähen in der dämmerung ihre runden drehen. mit rauen rufen dem spiel mit dem wind hingegeben wählen sie eindeutig freiheit. die bäume wurzeln tief oder flach aber auch sie haben spielraum in ihren kronen manche fichte neigt sich bis zur erde. das lebendige ist immer mit freiheit und bewegung verbunden und die geknechteten dieser erde stehn im schatten und man sieht sie nicht.

natürlich hab ich meinen vater gefragt: warum hast du das alles getan? warumwarstdusoeinbeschissenernazi? ich bin mir nicht sicher ob ich beschissen sagte. noch jahre nach dem krieg sagte man nicht so leicht beschissen zu den eltern.

ich zeigt ihm die bilder: mussolini, jodl, hilter, keitel und cavallero bei einer lagebesprechung im führerhauptquartier. Tisch mit landkarte, alle genannten sind vornübergebeugt und stützen hände bwz. Fäuste am kartenrand ab. jodl dürfte erklären, alle schauen auf jodl, todernst, vielleicht cavallero mit einem anflug von lächeln. orden und eiserne kreuze hängen von den uniformen. 7 männer schicksalsgötter der besonderen art, unverrückbar auf dem foto, männer nehmen die lage ernst die sie tödlich geschaffen haben. die landkarte am tisch ist durch die schlechte auflösung am foto weiss mit grauen schlieren. die männer schauen wenn sie nicht den erklärenden jodl anschaun auf das weisse papier, die bei lebendigem leib zu sezierende jungfrau.

oder mussolini und hitler mit ciano und göring beim verlassen des münchner hauptbahnhofes vor beginn der viermächtekonferenz. hitler neckisch, rechtes standbein linkes leichtschrittbein, rechter arm wie zum handschlag vorgestreckt, handschuhe links, stiefel. hitler lacht, mussolini lacht, ciano und göring lachen. fahnen nicht im wind flatternd, die hakenkreuze im hängenden stoff eingefangen wie riesige insekten. der hauptbahnhof – wie eine moschee im hintergrund – die ihre prediger entliess in einen sonnigen tag, denn jeder hat einen schatten.

das alles ist mir genau so schrecklich wie aufnahmen von deportierten.

was soll ich damit sagt der vater. du kannst das nicht verstehn wie das war, du bist nach der zeit. kein mensch kann in die zeit hineingehen die vergangen ist, nur die durchschreiter wissen. wissen nur die durchschreiter. kinder sind nachkommen, haben nicht durchschritten. können aber auch nichts fragen. falsch, fragen können sie.

stiefel des römischen armeekorps in den abruzzen im sommer 1938, stiefel mit schnallen. ich habe stiefel abgewählt, stiefellos hatsche (schlecht gehen, österreichisch) ich durch die winter meines lebens. kannst du dir keine stiefel leisten, nein, ich kann mir keine stiefel leisten, ich leiste mir das nichtleisten mit und ohne schnalle glanzlos und schaftlos stapfe ich, wenn es etwas zum stapfen gibt, auf den wiener trottoirs und spür den schnee bei den schuheingängen reinrinnen und noch mehr zergehn unter den fussohlen und aus allen auslagen um die schöne weihnachtszeit und so auch immer prangen die schnallenstiefel des römischen armeekorps in den abruzzen sommer 1938.

man kriegt die welt zum leben und für entscheidungen die wie mein vater sagte nicht einsehbar sind von anderen. aber die wahl hat jeder und die konsequenzen für sein tun muss er tragen.

 
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