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„Fremde Freundschaft“

Karin Nungeßer

 
 

Ich war dreizehn und Gella war die erste Jüdin, von der ich hörte, die nicht tot war. Sie war kein Rauch aus dem Krematorium, keine nackte Leiche auf einem Stapel, kein ausgemergeltes Gesicht hinterm Stacheldraht. Sie war mit meiner Großmutter zur Schule gegangen und sie hatte überlebt. „Gella Wasserteil hat sich eben frühzeitig aus dem Staub gemacht“, pflegte meine Großmutter zu sagen, wenn zufällig die Rede auf sie kam. Und wenn ich später manchmal einwandte, das sei wohl kaum der richtige Ausdruck, dann antwortete sie, immer ein bisschen zu schnell: „Ja, sicher. So gesehen, sicher.“

Dass Gella noch in Jerusalem lebte, erfuhr ich erst viele Jahre später. Auf der Suche nach einem Thema für einen Dokumentarfilm war ich mit meiner Großmutter nach Bayern gefahren. Sie mochte die Berge, und obwohl sie gerne verreiste, hatte sie seit dem Tod meines Großvaters nur noch selten Gelegenheit dazu. Ich hatte sie schräg gegenüber in einer etwas schäbigen Pension einquartiert. Tagsüber gingen wir zusammen spazieren, abends unterhielten wir uns über die Vergangenheit. Das Aufnahmegerät, das ich mir angewöhnt hatte, zwischen uns zu legen, störte sie nicht. Sie genoss unser Zusammensein und erzählte nicht mehr als das, wonach ich sie fragte.

Schon als Kind hatte ich meine Großmutter oft über Gella ausgefragt: Wie es ihr, der einzigen Jüdin in Omas Klasse, ergangen sei nach dem, was meine Großmutter die Machtergreifung nannte? Nie hatte meine Großmutter erwähnt, was sie nun umständlich andeutete: Im Grunde sei sie so etwas wie Gellas Freundin gewesen. Und als ich nachhakte: Ja, sie sei es gewesen, die am Schabbat Gellas Tasche getragen und in der Schule für sie mitgeschrieben habe. Einmal sei sie sogar bei Gella zu Hause gewesen. Sie war schon sehr orthodox, sagte meine Großmutter plötzlich ein wenig verärgert, sogar ihr Taschentuch steckte sie in den Ärmel, weil sie am Schabbat nichts tragen durfte. Dabei war das doch Unsinn: Wo ist der Unterschied, ob ich etwas in der Tasche oder im Ärmel trage?

Ich war erstaunt. Weniger über ihre Geringschätzung als darüber, dass meine Großmutter überhaupt etwas über das Judentum wusste. Mit den Jahren war mir Gellas Name wie ein Joker vorgekommen, den sie bereitwillig und ein wenig gleichmütig ausspielte, wenn ich sie nach den Juden fragte und danach, ob sie unter Hitler welche gekannt hatte. Nie hatte sie mehr berichtet, als dass Gella mit ihr in eine Klasse gegangen sei und ihre Mutter später regelmäßig mit dem Bauchladen vorbeigekommen sei, um Kurzwaren zu verkaufen, für die Emigration nach Palästina. Jedes Mal, hatte sie betont, hätte ihre Mutter Gellas Mutter etwas abgekauft, obwohl die Qualität der Ware schlecht gewesen sei und die Besuche sich gehäuft hätten. Und im gleichen klagenden Ton hatte meine Großmutter hinzugefügt, wie ungebührlich Gella sich ihr und meinem Großvater gegenüber nach dem Krieg benommen habe, als sie auf Einladung der Stadt zu Besuch gekommen war. Sogar ihr Wohnzimmer hätten meine Großeltern für sie geräumt! Zum Dank habe Gella sich des Nächtens eingeschlossen, als ob man ihr ans Leder gewollte habe, empörte sich meine Großmutter. Und immerzu gejammert, wie schlecht es ihr in Israel gehe, kein Vergleich mit dem Luxus, den sie in Deutschland hätten. Als ob es ihnen nicht auch schlecht gegangen sei nach dem Krieg!, hatte meine Großmutter gesagt. Am nächsten Morgen habe Gella dann meinen Großvater angegangen – obwohl der schließlich nicht freiwillig beim Militär gewesen sei, betonte meine Großmutter – und ihr Brötchen über die Butter gerieben beim Frühstück. Weil’s bei mir angeblich nicht koscher war, hatte meine Großmutter gestöhnt. Von Freundschaft war dabei nie die Rede gewesen.

Ich wollte es genauer wissen, diesmal. Wann hatte dieser Besuch stattgefunden? Nach dem Krieg. In den Fünfzigerjahren? Den Sechzigern? Meine Großmutter wusste es nicht. Mein Großvater jedenfalls hätte noch gelebt, tastete sie sich vorsichtig vor. Das hieße: vor 1993. Doch in der neuen Wohnung hätten sie schon gewohnt. Also nach 1956. Ob meine Mutter, die 1965 geheiratet hatte, noch zu Hause gelebt habe? Meine Großmutter, die weder vergesslich noch senil war, wusste es nicht. Genauso wenig wie meine Mutter, die sich an die Geschichte selbst durchaus erinnerte. Gellas Besuch war auf eigentümliche Weise aus der Zeit gefallen.

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Das Foto auf meinem Schreibtisch zeigt meine Großmutter als dreizehnjähriges Mädchen. Standbein, Spielbein steht sie vor einem Hauseingang, den blonden Bubikopf sorgfältig gescheitelt, die linke Hand lässig auf das Geländer gelegt. Das Foto, nicht größer als ein Passbild, hat mir Gella geschickt. Es hat sie begleitet, als sie von Darmstadt nach Wien geflohen ist, von Wien in die Karpaten, von Karpatorussland nach Munkacs, von Munkacs über Budapest nach Istanbul, das damals noch Konstantinopel hieß, und dann, mit einem der letzten legalen Transporte, nach Palästina. Es hat sechs Jahre Flucht durch halb Europa, Polizeirazzien und die Einreise in Haifa überdauert, die Ermordung ihrer Eltern, ihres Onkels, ihrer Tante, ihrer Cousinen und Cousins, ihre Heirat mit einem anderen Überlebenden des Holocaust, die Geburt ihres Sohnes, der nun mit neun Kindern und fünfundzwanzig Enkelkindern in den USA lebt. Über siebzig Jahre hat Gella es aufbewahrt, nun möchte sie es nicht mehr zurück. Auf die Rückseite hat meine Großmutter in ihrer allerschönsten Kinderschreibschrift geschrieben: „Zur Erinnerung von Deiner Freundin Irmchen. Darmstadt, den 10. Oktober 1932.“

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Als Jugendliche hatte ich meine Großmutter gefragt: Wie war das am 30. Januar 1933? Ich hatte wissen wollen, warum sie in Deutschland keinen Generalstreik gemacht hatten, wie unser Geschichtslehrer es uns erklärt hatte, dass es richtig gewesen wäre, um die Nazis aufzuhalten. Sie konnte sich an den Tag gut erinnern, weil sie in der Nacht zuvor am Blinddarm operiert worden war. Als ich aufgewacht bin, hat sie erzählt, die Augen zusammengekniffen und sich ein wenig geschüttelt, war die ganze Dieburger Straße voller roter Fahnen. Lauter Hakenkreuze. Was hätte man da als einzelner Mensch tun sollen? Von einem Generalstreik wusste sie nichts. Sie war zu jung, entschied ich. Sie traf keine Schuld.

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In Bayern frage ich nach. Das Bild, das sie von ihrer Familie zeichnete, blieb widersprüchlich. Dass ihr zwölf Jahre älterer Bruder seit den Dreißigerjahren SA-Mitglied gewesen war, wusste ich noch von früher. Ewig hatte es zwischen meinen Eltern Streit darüber gegeben, dass wir ausgerechnet ihm den Kredit für unser Haus verdankten. Trotzdem beharrte meine Großmutter darauf, im Grunde sei ihre Familie unpolitisch gewesen. Weder ihr Vater, der vom Giftgas schwer verwundet, kahl und cholerisch aus dem ersten Weltkrieg nach Hause gekommen war, noch ihre Mutter seien jemals Parteimitglieder geworden und strikt dagegen, dass sie in den BdM eintrat, erzählt sie. Warst du deshalb Gellas Freundin? Hat euch das verbunden? frage ich. Das hat uns sicher auch zusammengebracht, sagt sie. Und dann, die anderen interessierten sich schon für Jungs, ich war noch nicht so weit. Auch das mit dem BdM, das kam auch daher. Da ging’s ja drüber und drunter, bei diesen Fahrten vom BdM, auch mit den Hitlerjungen. Dieses Freie, da waren meine Eltern nicht so dafür. Deshalb solltest du nicht zum BdM, frage ich entgeistert, weil das deinen Eltern zu libertär war? Ja, sagt sie, beschämt.

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Auf dem Abschlussfoto von 1935 stehen sie nicht nebeneinander: Gella, in der ersten Reihe als Zweite von rechts, hat sich bei Annie untergehakt, der besten Freundin meiner Großmutter. Meine Großmutter, mit offenen Haaren, steht in der zweiten Reihe links. Sie trägt ein merkwürdiges kariertes Oberteil, das sicher meine Urgroßmutter für sie entworfen hat. Noch als ich klein war, hat sie die Kleider für meine Puppen genäht, mit altmodisch abgesteppten Ziernähten, gesmokten Ärmeln und bauschigen Volants. Doch es ist Gella, die dem Foto auf eigentümliche Weise ihren Stempel aufdrückt. Kerzengrade, die Füße parallel, den Blick grade, wirkt sie inmitten all des Unentschiedenen, Linkischen, mädchenhaft Posierenden seltsam zupackend. Gella ist fünfzehn, sie weiß schon, dass sie Deutschland demnächst verlassen muss. Ihre Eltern wird sie danach nicht wiedersehen. Nach Darmstadt kommt sie noch dreimal zurück: 1956 auf einer längeren Europareise, zum 50-jährigen Klassentreffen 1985, zur Einweihung der neuen Synagoge 1988. Danach nie wieder.

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Die Verbindung nach Jerusalem ist schlecht. Es knackt in der Leitung. Ja doch, Gella Sprung, geborene Wasserteil, sei am Leben, hatte mir die Dame von der christlich-jüdischen Zusammenarbeit in Darmstadt am Morgen freudig versichert. Gellas jüngerer Bruder, mit dem sie gerade telefoniert habe, könne sich sogar noch an meine Großmutter erinnern und habe ihr die Nummer seiner Schwester gegeben, damit ich mit ihr in Verbindung treten könne. Nervös wähle ich die Ziffern, die Frau D. mir diktiert hat, nicht ohne weitschweifige Tipps, mit welcher Billignummer Israel um dieses Tageszeit am besten zu erreichen sei. Fast erleichtert höre ich die vertraute Frauenstimme in der Leitung: kein Anschluss unter dieser Nummer. Als ich noch einmal wähle, nimmt rasch jemand ab. Schalom, rufe ich, ist da Gella Sprung? Ich nenne meinen Namen, der ihr nichts sagen kann, mein Name ist nicht der Name meiner Großmutter, sie ist die Mutter meiner Mutter, und den Namen von Frau D. nenne ich auch, ich erwähne ihren Bruder und Darmstadt. Sie sind die Enkelin von Irmchen Brummer? fragt sie. Wir waren sehr gut befreundet. Was hat Sie Ihnen von mir erzählt?

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Davon, wie die Freundschaft zwischen ihr und meiner Großmutter zu Ende gegangen ist, hat Gella mir erst sehr viel später berichtet und weit weniger direkt, als es sonst wohl ihre Art war. Ich war mit A. und einer geliehenen Kamera nach Tel Aviv geflogen, um sie zu besuchen. Wir hatten uns geschrieben, und ich hatte sie gefragt, ob sie bereit sei, mir ihre Geschichte vor der Kamera zu erzählen. Sie wollte nicht recht, fand ihr Schicksal nicht wirklich mitteilungswürdig, schickte mir aber im Dezember eine kurze Karte mit Weihnachtswünschen und der Frage: Wann kommen Sie her? Ende Januar flogen wir.

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Zuvor hatte ich mir die Bänder aus Bayern angehört. Doch je länger ich meiner Großmutter beim Erzählen zuhöre, umso verwirrter werde ich. In Gedanken versuche ich aufzulisten, was für sie sprach, wenigstens zum Teil: Sie war nicht in der Partei und hat nie NSDAP gewählt. In den BdM ist sie erst eingetreten, als Mitschülerinnen sie gewarnt haben, sie werde sonst keine Lehrstelle finden. Sobald sie eine hatte, ist sie im April 1935 wieder ausgetreten aus dem BdM, mit der Begründung, sie habe nun Steno- und Buchhaltung und keinen Abend mehr frei. Als Adolf Hitler fünf Tage nach ihrem 16. Geburtstag die erste Teilstrecke der Reichsautobahn zwischen Frankfurt und Darmstadt einweihte und 600.000 ihm dabei zugejubelten, ist sie zuhause geblieben; es war ihr gleichgültig. Der wichtigste Punkt: Sie wirkte ehrlich betroffen, als sie mir von der öffentlichen Vereidigung ihres SA-Bruders erzählte, davon, wie sie ihre Schwägerin auf den Darmstädter Marienplatz begleitete und wie maßlos entsetzt sie war, was da gesungen wurde: Wir schlagen euch sämtliche Knochen entzwei und schlitzen die Bäuche euch auf.

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Einen Termin mit Gella zu finden erwies sich als schwierig. Bei unserer Ankunft in Israel waren ihr Enkel und seine Frau aus New York zu Besuch in Jerusalem. Beide wohnten im Hotel, Gella schien sie trotzdem stündlich bei sich zu erwarten. Sie vertröstete uns tagelang, schlug einen weiteren Anruf an einem anderen Tag vor. Zwischen den Telefonaten fuhren wir von Tel Aviv ans Tote Meer, durchwanderten die grünen Wadis inmitten der Wüste, besichtigten Jerusalem. Schließlich verabredeten wir uns mit Gella für unseren letzten Tag in Jerusalem, nicht ohne ihre Ankündigung, sie werde möglicherweise kurzfristig noch im Hotel anrufen, um abzusagen, falls sie sich nicht wohlfühle. Sie war krank und sie war alt. Ich musste sie sehen. Deshalb war ich hier.

Einen Tag vor dem verabredeten Termin beschloss ich, bei ihr vorbeizuschauen. Zu Fuß machten wir uns auf den Weg in die Chafez Chaim Street, ein paar Straßen nur entfernt von Mea Shearim, dem jüdisch-orthodoxen Stadtviertel Jerusalems. Es war Nachmittag, auf den Straßen begegneten uns fast nur fromme Männer in schwarzen Anzügen, mit breitkrempigen Hüten, langen Bärten und Schläfenlocken, die bis über die Schultern reichen. Die Jüngeren murmelten vor sich hin und senkten hastig den Blick, wenn sie uns sahen. Die wenigen Frauen auf den schmalen Bürgersteigen trugen Kappen oder Kopftücher, dicke Mäntel über wadenlangen Röcken, volle Einkaufstaschen.

Schräg gegenüber der Synagoge lag Gellas Haus. Ein einfacher zweigeschossiger Bau, hell getüncht, davor auf einem niedrigen Mäuerchen zwei Männer, die uns unverhohlen musterten. Als wir Gella Namen nannten, lächelten sie freundlich und zeigten uns den Weg die steile Außentreppe hinauf. Ich ging allein, A. würde unten auf mich warten, während ich mit Gella redete.

Im oberen Stockwerk mündet die Treppe in einen schmalen Lichtgang, von dem aus man in den Hof einer kleinen Talmudschule blickt. Rechts drei Türen, ohne Namensschilder. Ich klopfe, rufe immer wieder leise Schalom und: Gella Sprung? Ich möchte niemanden erschrecken mit meiner Mördermuttersprache. Schweiß bricht mir aus. Es ist lau, Anfang Februar liegt in Jerusalem schon eine Anmutung von Frühling in der Luft. Hinter der dritten Tür endlich ihre Stimme: Kommen Sie herein, die Tür ist nicht verschlossen.

Meine Augen müssen sich erst an das Dunkel gewöhnen. Ich folge ihrer tiefen, alten Stimme, die ich vom Telefon her kenne, kurze deutsche Sätze, in denen sich das Jiddische und das Hebräische in kehligen Schichten um den Darmstädter Dialekt gelegt haben. Heinerdeutsch heißt er, fällt mir ein, und war bei meinen Großeltern verpönt. Sie sitzt an einem großen ovalen Tisch, die Rollläden heruntergelassen. Um sie herum Papiere. Wir waren für morgen verabredet, sagt sie. Ich lese gerade in alten Briefen, sehen Sie, den hat mir Fräulein Matthäi-Pfaff geschrieben. Eine außergewöhnliche Frau.

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Gella Sprung redet ungern über sich. Das ändert sich auch nicht, als wir am nächsten Morgen die Kamera aufgebaut haben und sie filmen wollen. Jona, ihre jemenitische Hilfe, hat Tee und süße Kuchen für uns bereitgestellt. Immer wieder bietet Gella uns davon an, während sie uns von der kleinen Anleihenkasse erzählt, die sie nach dem Darmstädter Rabbiner Merzbach benannt hat und aus der sie immer wieder Darlehen an Bedürftige vergibt. Sie erzählen ihr ihre Geschichte, sie leiht ihnen einen kleineren Geldbetrag. Sie hilft ihnen, indem sie zuhört. Nachfragt. Manches schreibt sie auf. Ihr eigenes Schicksal? Leichter als das vieler anderer. Was mehr über ihre außergewöhnliche Fähigkeit zum Mitleiden aussagt als über ihre Geschichte.

Mit fünfzehn Jahren geht Gella allein nach Wien. Sie hätte Volksökonomie studieren wollen, erzählt sie, doch als Jüdin wird es ihr in Deutschland unmöglich gemacht, weiter zu lernen. Also muss sie nach Wien. Am jüdischen Seminar lernt sie drei Frankfurterinnen kennen, von denen keine den Holocaust überlebt. Sie wird 1937 als Lehrerin für jüdische Religion nach Karpatorussland geschickt. Das Leben dort sei äußerst primitiv gewesen, stellt sie trocken fest: Die Bauern liefen barfuß, das kannte ich aus Darmstadt nicht. Sie kann die Sprache nicht, kennt keinen Menschen. Kurze Zeit später wird sie nach Munkacs versetzt – ohne Papiere. Sie kauft sich ungarische Dokumente, lernt das fremde Geburtsdatum auf Ungarisch zu sagen. Die Polizei verfolgt illegale Ausländer in Munkacs streng. Gella muss für alles teuer bezahlen: für Unterkunft, fürs Essen, fürs Nichtverratenwerden. Wenn eine Razzia ansteht, mauern ihre Gastgeber sie in einem Winkel auf dem Dachboden ein. Einmal steht sie dort vierundzwanzig Stunden lang. Eingemauert. Ich sehe das noch vor mir, sagt sie. Heute, wenn ich mir das vorstelle, sagt sie. Andere waren monatelang in Abflussrohren versteckt.

Ihre Eltern flüchten im Sommer 1939 nach Polen. Sie habe damals in Munkacs ein großes Fest gefeiert, erzählt sie: Meine Eltern sind gerettet! Im Winter 1941/42 werden sie nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Das erfährt Gella erst, als der Krieg vorbei ist.

Gella bewahrt die Geschichten der Lebenden, und sie lebt mit denen der Toten. Vierhundert jüdische Schülerinnen hat sie in Munkacs unterrichtet: Ich weiß nicht, ob zehn von ihnen überlebt haben, sagt sie. Netti Michels, eine ihrer Frankfurter Mitschülerinnen in Wien, sei ein außergewöhnlich talentiertes und schönes Mädchen gewesen, erzählt sie. Nach dem Studium sei sie in Bratislawa Religionslehrerin geworden und noch später eine der 93 Mädchen, nach denen heute in Bnei Berak, einer Siedlung östlich von Tel Aviv, eine Straße benannt ist. Als die jungen Frauen im Lager erfuhren, dass man sie badete und kämmte, um sie anschließend in ein SS-Bordell zu bringen, erzählt Gella, schluckten sie Zyankalikapseln. Die Nazis fanden 93 Leichen, sagt Gella und betont laut jede einzelne Silbe: drei-und-neun-zig-to-te-Mäd-chen. Ein Junge namens Traube kam mit vierzehn – sie erinnert sich nicht mehr genau – ins Ghetto? nach Auschwitz? Jedenfalls sei er dort so grauenhaft geschlagen worden, dass der SS-Mann, der ihn verprügelte, schließlich gesagt habe: Wenn er das aushält, soll er überleben. So hat er überlebt, sagt Gella, und ist eines von unseren Kindern geworden. Sie und ihr Mann haben ihn bei sich aufgenommen, er ist jung gestorben.

Mit Gella reden, heißt: über die Toten reden. Auf dem Fragebogenformular der Gedenkstätte Yad Vashem, mit dem sie Zeugnis abgelegt hat für viele, die den Holocaust nicht überlebt haben, hat Gella das I am durchgestrichen und unterstrichen: I am not a surviver – ich bin keine Überlebende.

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Für den Film möchte ich von Gella etwas über ihre Schulzeit erfahren, darüber, ob sie als Jüdin ausgestoßen und benachteiligt wurde und wie ihr Leben verlief, nachdem sie Darmstadt verlassen musste. Als Enkeltochter will ich wissen, was für ein Mensch meine Großmutter im Dritten Reich gewesen ist: Ist sie nach 1933 noch mit Gella befreundet gewesen? War meine Großmutter vielleicht ein, wenn auch unpolitischer, so doch mutiger Mensch, die zu ihrer jüdischen Freundin gestanden hatte? Auch als die längst von ihren Klassenkameradinnen verfemt und gemieden wurde?

Ihre Großmutter war ein lieber Mensch, sagt Gella Sprung. Sehr lieb. Wir standen uns – verhältnismäßig – sehr nahe. Im Übrigen, beharrt sie, habe sie an der Schule keinen Antisemitismus erlebt, jedenfalls wenn man von einigen Mitschülerinnen absehe, die stolz in ihren BdM-Uniformen in den Klassenraum marschiert seien und sie absolut negiert hätten. Ein Zeichenlehrer namens Reinhard fällt ihr noch ein, der sie seine Nazigesinnung deutlich habe spüren lassen. Wie genau, das weiß sie heute nicht mehr zu sagen. Sie macht eine abfällige Handbewegung, als lohne es die Mühe nicht, danach zu graben. Vor allem anderen habe Fräulein Matthäi-Pfaff sie bewahrt. Wie gesagt: Eine außergewöhnliche Frau.

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Was Gella Sprung mir über ihre Klassenlehrerin erzählt, das begreife ich erst allmählich, während ich das Band mit unserem Gespräch noch einmal anhöre, lässt sich auch als Antwort auf die Frage verstehen, die stumm und sperrig im Zentrum dieser ganzen Suche steht: Was war möglich? Wer hatte welchen Spielraum, sich zu verhalten? Wer hat ihn sich genommen?

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Fräulein Matthäi-Pfaff hat Antisemitismus in ihrem Klassenzimmer nicht geduldet. Obwohl der Hessische Minister für Kultus und Bildungswesen schon am 26. August 1933 in einem Rundschreiben den Hitlergruß als verpflichtend für alle höheren Schulen angeordnet hatte, nicht nur allmorgendlich im Klassenzimmer, sondern immer, wenn Lehrer und Schüler sich begegneten, gab es bei ihr kein Heil Hitler. Im Gegenteil: Antisemitische Pöbeleien wurden bestraft; Sophie Michels, eine Klassenkameradin von Oma und Gella, erinnert sich an eine Ohrfeige, die sie für den – angeblich ganz naiv dahergesagten – Ausruf „Au, mein Judenknochen tut so weh“ von ihr bekam. Gella erzählt, dass Fräulein Matthäi-Pfaff sie häufig zur Seite nahm: Sie lieh ihr Bücher, fragte sie, was sie verstanden habe, lobte sie für ihre Bildung. Sie hat mich gestärkt und selbstbewusst gemacht, sagt Gella und wie wichtig es damals für sie war, dass diese seelische Unterstützung mit ihrem erzwungenen Exil nicht endete: Briefe, Pakete, Trockenblumen, Psalme habe sie ihr unter falschem Absender geschickt, um sie zu trösten, so allein mit sich, in der Fremde. Das rechne ich ihr hoch an. Korrespondieren mit einer Jüdin im Ausland, sagt Gella, das war doch Hochverrat.

Auf dem Klassenfoto wirkt die Lehrerin inmitten ihrer selbstbewussten Schülerinnen unscheinbar, fast ein wenig verhuscht. Die Haare nachlässig zusammengebunden, der Kragen der weißen Bluse zerknickt, eine Frau, die sich um Äußerlichkeiten nicht viel scherte. Meine Großmutter erzählt, dass sie jahrelang verlobt blieb, um die Klasse, die sie 1925 zur Einschulung übernommen hatte, bis zur mittleren Reife behalten zu können. Am letzten Tag habe sie geheult wie ein Schlosshund – und wir auch, sagt meine Großmutter. Wieso hat ausgerechnet diese Frau an bestimmten zivilisatorischen Standards festgehalten? Warum hat sie sich nicht anstecken lassen von all dem Judenhass? Sie war eine Deutsch-Nationale, antwortet meine unpolitische Großmutter. Sie war tiefreligiös, sagt Gella: eine Christin mit viel Respekt vor anderen Religionen.

Gella hat Frau Matthäi-Pfaff 1956 wiedergetroffen. Gerne erinnert sie sich, wie sie ihr von London aus telegrafierte und kurz darauf die Antwort bekam: Glücklichster Tag meines Lebens, weil ich erfahre, dass Sie leben. In Darmstadt habe sie ihr später geholfen, erzählt Gella: auf der Stadtverwaltung, damit Gella einen Geburtsschein ausgestellt bekam, auf dem Friedhof, wo sie die jüdischen Gräber für die Angehörigen der Toten in Israel fotografiert hat.

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Für meine Großmutter ging das Leben nach der Schule weiter: Sie machte ihre Lehre, lernte meinen Großvater kennen, heiratete, hörte auf zu arbeiten, bekam, während ihr Mann Soldat in Frankreich war, meine Mutter. Im August 1944 wurde sie ausgebombt, verbrachte ein Jahr bei Verwandten im Odenwald, bevor sie kurz nach Kriegsende wieder nach Darmstadt zurückkehrte. Sie war wohl keine besonders aufmerksame Mutter, aber sie wurde eine liebevolle Großmutter. Von den Deportationen, versicherte sie mir noch in Bayern, habe sie nichts gewusst.

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Berlin, Bundesarchiv: 1285 Namen jüdischer Bürgerinnen und Bürger umfasst die Volkszählungsdatei vom 17. Mai 1939 für Darmstadt. In der Straße, in der meine Großmutter über zwanzig Jahre, von ihrem dritten Lebensjahr bis zu ihrer Ausbombung 1944, gelebt hat, wohnten vier jüdische Familien. Kohlmanns, die zwei kleine Kinder hatten, konnten offenbar rechtzeitig emigrieren. Ebenso Hans Michael Cohen, der ein Jahr jünger als meine Großmutter war. Ob Käte Engelmann mit ihrem Sohn Hans Ulrich ebenfalls entkommen konnte, habe ich nicht ermitteln können. Ihr Mann Rudolf Engelmann wurde am 30. April 1943 verhaftet und starb am 25. April 1945 in Theresienstadt. Von den drei Goldstein-Schwestern, die ebenfalls im Schlageterring wohnten, findet sich nur das Todesdatum der ältesten in den Akten: Amalie Goldstein starb am 29. Juni 1943 in Theresienstadt. Ihre zwei Jahre jüngere Schwester Fanny wurde bereits ein halbes Jahr vor ihr, am 20. März 1942, aus Darmstadt deportiert und in Auschwitz ermordet. Über den Verbleib von Gretchen Goldstein, der Jüngsten, vermeldet die Karteikarte im Zentralen Opferarchiv in Yad Vashem nur: missing – vermisst.

Insgesamt, auch das lässt sich nachlesen, gingen aus Darmstadt vier Transporte mit 3224 Menschen ab, die jahre-, manchmal generationenlang in Darmstadt und Umgebung gelebt hatten: Am 20. März 1942 wurden über den Darmstädter Güterbahnhof tausend Juden nach Piaski-Lublin deportiert. Am 27. September 1942 folgte ein weiterer Transport mit 1288 hessischen Juden nach Theresienstadt. Ein gutes Jahr später, am 30. September 1943, wurden 883 Juden aus Darmstadt deportiert, am 10. Februar 1943 schließlich die 53 Bewohner des Jüdischen Altersheims in der Eschollbrücker Str. 4½, die geschlossen nach Theresienstadt kamen und von denen keiner überlebte.

Von den 44 so genannten Judenhäusern, die zwischen dem Winter 1939/40 und dem Herbst 1943 in Darmstadt bestanden und in denen die Juden aus Darmstadt und Umgebung unter miserabelsten Bedingungen und auf engstem Raum leben mussten, bevor sie mit Lkws in das zentrale Sammellager in der Justus-Liebig-Schule gebracht und später von dort zu Fuß durch die Bismarckstraße zum Güterbahnhof getrieben wurden, befanden sich über die Hälfte in Laufnähe der Wohnung meiner Oma.

Wenn meine Großmutter nichts von den Deportationen der Juden aus Darmstadt gewusst hat, dann weil sie es nicht wissen wollte.

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Gella und meine Großmutter haben sich nur noch ein einziges Mal wiedergesehen. An einen Besuch bei meinen Großeltern zuhause, daran, dass sie mit meinem Großvater beim Frühstück über seine Wehrmachtszugehörigkeit gestritten habe, erinnert Gella sich nicht. Sie mag sich irren. Die Dame vom Kulturbüro der Stadt Darmstadt, die für die Einladung vertriebener jüdischer Bürgerinnen und Bürger in ihre ehemalige Heimatstadt zuständig ist, hat in ihren Akten den Hinweis gefunden, dass für Gellas Besuch in Darmstadt 1985 meine Großmutter als Quartiersgeberin eingetragen ist. Gella wiederum erinnert sich, dass damals ein Klassentreffen stattfand, bei dem sie die anderen gefragt habe, wie sie die Kriegszeiten erlebt hätten. Und dass die Antwort unisono lautete: Niemand habe etwas gewusst. Anschließend hätten die Mitschülerinnen ihr heimlich Geld in die Taschen gestopft. Um sich freizukaufen, vermutet Gella. Zum nächsten Treffen 1988 ist sie nicht mehr erschienen.

Oma und Gella haben sich im letzten Jahr ein paar Mal geschrieben. Doch weil meine Großmutter keine Veranlassung sieht, auch nur nachzufragen, wie es Gella während des Kriegs ergangen ist, und Gella keinen Anlass sieht, das hinzunehmen, haben sie das Briefewechseln wieder eingestellt. Meine Großmutter weiß, dass wir in Israel lange miteinander gesprochen haben. Gella hat mir erlaubt, ihr unseren Film zu zeigen. Ich werde es tun, wenn meine Großmutter mich danach fragt. Sie hat die Wahl.

 
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