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„Sklaverei der Freiheit“

Ein Versuch zur Preisfrage 2006

Steffen Leuschner

 
 
Wir haben die Wahl zwischen Sklaverei und
Freiheit, wir wählen die Freiheit.
(Konrad Adenauer)
Wahl ohne Qual.

Einstieg

Es ist nicht zweifelsfrei überliefert, ob sich Eva und Adam am Anfang aller Tage schwer getan haben mit jenem folgenreichen Entschluss, von den wenngleich verbotenen, so doch unwiderstehlichen Früchten des Erkenntnisbaumes zu kosten und sich damit um ihre gesicherte Zukunft im Garten Eden zu bringen. Es war die Verführung in Gestalt der listigen Schlange, deren argumentative Raffinesse und rhetorisches Geschick es scheinbar mühelos vermochte, die unwahrscheinliche Neugier auf einen kleinen Apfel – oder welcher Frucht auch immer – zur prototypischen Wahlfrage werden zu lassen zwischen Vernunft und Lust, zwischen Gehorsam und Emanzipation, zwischen Unterwerfung und Freiheit, und mithin den originären Präzedenzfall für das Problembewusstsein der unvermeidlichen Folgen wie der unausweichlichen Verantwortlichkeit des eigenen Handelns zu provozieren.

Ebenfalls nicht hinreichend bekannt ist, inwieweit sich die unglückseligen Urheber der Erbsünde im Detail über bestehende Alternativen und mögliche Konsequenzen ihrer Entscheidung im Klaren waren und damit sozusagen eine antizipative Folgenabschätzung wahlbeeinflussend gewesen sein konnte. Die im folgenden Zusammenhang wohl interessantere Frage ist jedoch, ob unsere biblischen Urahnen tatsächlich überhaupt die Wahl hatten oder stattdessen in ihrem frevelhaften Handeln fremdbestimmt waren von der übermächtigen Versuchung – ob sie von Anfang an willenlose Komparsen waren in einem allegorischen Schöpfungsdrama, ratlose Marionetten in der launischen Inszenierung einer göttlichen Komödie?

Waren sie wirklich frei?

Wahlverwandtschaft

Wer hat die Wahl? Der in dieser – hinsichtlich ihrer thematischen Komplexität auch in diesem Jahr von der Jungen Akademie wieder gänzlich unbescheiden gewählten – Preisfrage subtil mitschwingende, irgendwie ein wenig skeptisch und zeitgeistkritisch klingende Unterton mutet in einer friedlichen, freiheitlichen und demokratischen Wohlstandsumgebung zunächst paradoxieverdächtig an, gilt doch in deren kollektivem Selbstverständnis der Umstand, sich grundsätzlich und immer frei entscheiden zu können als kostbare (gerade in Deutschland teuer bezahlte) zivilisatorische Errungenschaft – mehr noch: als unveräußerliches, grundgesetzlich verbrieftes Anrecht eines jeden Menschen ( Artikel 2; GG) – dessen Anerkenntnis eine Vielzahl einschränkender und zunehmend umfangreicherer Rahmenbedingungen voraussetzt. Bedingungen, welche kollektiv erträgliche Formen des Zusammenlebens regeln und gleichzeitig die freie Entfaltung des Einzelnen – so gut als möglich eben beides miteinander vereinbar ist – absichern sollen und die sich ständig in dem Maße erweitern, in welchem die, in globale Dimensionen expandierenden, modernen Lebenssysteme an Komplexität gewinnen.

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Wer hat die Wahl? Vor dem Hintergrund einer – im parabelartigen Spannungsfeld ihrer biologischen Entwicklung vom unvorhersehbaren Ursprung (natalis) her und zum unausweichlichen Ende (mortalis) hin betrachtet – grundsätzlich unfreien physischen Existenz voller problematischer gesundheitlicher Prädispositionen und ästhetischer Defizite, welche es mit immer wirksameren Technologien (in vitro fertilisation, Präimplantationsdiagnostik) zu beeinflussen und deren absehbare Folgen es abzumildern oder – soweit machbar – gleich ganz abzuschaffen gilt, erhält diese Frage zusehends eine normative Dimension.

Im aufstrebenden Paradigma möglicher biotechnologischer Interventionen und Modifikationen wird der menschliche Körper letztlich im Sinne eines erweiterungsfähigen Baukastens mit attraktiven Wahloptionen nach Aufpreisliste zur individuellen Gestaltungsaufgabe. Das impliziert jedoch einen gewissen Handlungszwang, denn fortan ist es nicht mehr ohne Weiteres vermittelbar, weshalb man von der Möglichkeit der künstlichen Zuchtwahl Abstand nehmen möchte – man kann ja schließlich nicht nicht vorsorglich sein. Gesundheitliche wie formal-ästhetische Qualitäten des werdenden Individuums bleiben dann nicht länger der – mitunter grausamen – Zufälligkeit genetischer Anomalien oder erblicher Schönheitsfehler überlassen. So werden hoffnungsvolle Möglichkeiten schnell zu ultimativen Forderungen, denen man in Verantwortung für das Wohl der Nachkommen auch tunlichst nachkommen sollte. Diese Wahl sowie deren spezifische Bedingungen liegen jedoch nicht im Einflussbereich des kontrolliert heranreifenden Fötus, sondern in der Entscheidungsgewalt seiner Erzeuger. Die unberechenbaren, risikoreichen Faktoren der naturbelassenen Reproduktion verschieben sich also schlechterdings lediglich in den kaum weniger problematischen Bereich willkürlicher Privatinteressen (Designerbaby).

Sklaverei der Freiheit

Um die Wahl zu haben, bedarf es der Anwesenheit möglicher Alternativen, zwischen denen man sich frei entscheiden kann. Die Frage könnte also auch lauten: Wer ist frei? Heute steht die Autonomie des freien Willens – nicht erstmalig, aber dafür umso vehementer – zur Disposition. Neurobiologie und Philosophie ringen um die wissenschaftliche Deutungshoheit des abstrakten Begriffes und unternehmen einige Bemühungen, um die Entität des freien Willens und damit der menschlichen Fähigkeit, frei wählen zu können, wahlweise endgültig zu entzaubern oder eben gegen eine radikale Relativierung zu verteidigen. Insbesondere seit die im menschlichen Gehirn ablaufenden – maßgeblich für Denken und Handeln zuständigen – neuronalen Prozesse dank neuartiger bildgebender Verfahren in der Neurobiologie sichtbar und damit eingehenderer Beobachtung zugänglich wurden, werden damit unversehens – bislang in den rational eher schwer zugänglichen Höhenlagen metaphysischer oder religiöser Welterklärungsmodelle vermutete – verhaltensursächliche Impulse und Einflüsse (Gott, Vorsehung, Schicksal etc .) in den organischen, feuchtwarmen Niederungen und Verwindungen unseres bewusstseinstiftenden Zentralorgans ausgemacht, freilich auch nur als artifiziell erzeugte, expertenlesbare Projektionen einer hypothetischen Wirklichkeit, deren Erscheinungsweise immer nur so real ist, wie die je vorhandenen Mittel ihrer Darstellbarkeit es gerade erlauben.

Aber Zweifel sind durchaus unangebracht, denn die magisch-mythischen Quellen spiritueller Veranlagungen, emotionaler Regungen und nun eben auch noch willentlichen Handelns gelten im Zeitalter des wissenschaftlich-technologischen Welterschließungsprozesses ohnehin längst als materialistische Epiphänomene, deren hinreichende Banalität mit der weitreichenden biochemischen Entschlüsselung ihrer profanen – innerorganischer Synthesis entspringenden – Herkunft praktisch erwiesen sei.

Unversehens wandern die, jahrhundertelang außerhalb des vergänglichen Körpers gelegenen, in phantasievollen ideologischen Konstruktionen verorteten Ursachen und Motive bewussten Wollens und Wählens in die – nicht weniger faszinierende – Mikroebene evolutorisch determinierter, körperinterner Prozesse und provozieren dabei revolutionäre Fragen. Entbindet uns die Abwesenheit des freien Willens von der Verantwortlichkeit für die Wahl unserer Handlungsentscheidungen und erhält die damit einhergehende Forderung nach einer Reformation des Strafrechts ihre Berechtigung? Irritierend erscheint der Umstand, dass unser tatsächliches Handeln dem – dieses Handeln induzierenden – Entschluss, wenn auch nur um nicht wahrnehmbare Sekundenbruchteile, vorauseilt oder – anders formuliert – dass unsere unerschütterliche Gewissheit, so oder so gewählt zu haben, der absoluten Determiniertheit unserer getroffenen Entscheidungen hoffnungslos hinterherläuft. Der freie Wille – nichts als eine Illusion?

Das macht seine Bedeutsamkeit jedoch keineswegs zwangsläufig reizloser oder etwa unwahr – ganz im Gegenteil: wenn man den Ursprung unserer willentlichen Entschlüsse genau lokalisieren und die Umstände ihres Zustandekommens neurophysiologisch erklären kann, lassen sich deren Auslösung und Wirkungsweise womöglich bedarfsgerecht künstlich stimulieren bzw. manipulieren, gezielt produzieren und schließlich wohldosiert applizieren. Dann lassen sich Suggestion und Verführung endlich personalisiert und subtiler als je zuvor installieren und geradezu unbemerkbar beim Adressaten die gewünschte Wahlentscheidung lancieren. Dann übernehmen feinabstimmbare Designerdrogen die längst schon verabschiedete Herrschaft im eigenen Seelenhaushalt und lösen jene geradezu historischen Wahlbeeinflussungsinstrumentarien (Print-, Audio- und Telemedien) ab, deren marktschreierische Präsenz unseren Alltag zum babylonischen Irrenhaus werden lässt – günstige Bedingungen für eine Wahl ohne Qual?

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Der Verbraucher hat die Wahl

Das Leitmotiv unserer westlich geprägten Lebensweise ist der Markt – ein strukturiertes System mit definierten Regeln, Gesetzmäßigkeiten und kreislaufartigen Kausalverhältnissen: Angebot und Nachfrage, Gewinn und Verlust, Werbung und Wahl. Wir sind Akteur und Gegenstand derselben, wenn wir zwischen verschiedenen Möglichkeiten auswählen und Entscheidungen treffen, und gleichzeitig als Individuum – freiwillig oder zwangsläufig – auch selbst immer und überall zur Wahl stehen: als politisch agierendes Wesen, als vakante Arbeitskraft, als potenzieller Partner etc. Die dabei jeweils geltenden Auswahlkriterien – seien sie nun ideologisch, existenziell oder ästhetisch motiviert – verändern sich permanent gesellschaftlich und individuell und potenzieren sich im Wandel flüchtiger Trends und schnelllebiger Moden zu jener unendlichen Vielfalt möglicher Wahloptionen, deren Unübersichtlichkeit zu einem kennzeichnenden Merkmal des postmodernen Lebensstils avanciert ist.

Wer hat die Wahl? Eine mögliche – unserer werbungsseitig konditionierten Wahrnehmung ausgesprochen plausibel erscheinende und allein schon deshalb fragwürdige – Antwort lautet: Der Verbraucher hat die Wahl. Diese plakative Formel löst das Problem am erfreulichsten, denn da wir alle auf die eine oder andere Weise Verbraucher sind, haben wir also alle die Wahl – sollte man meinen. Aber was bedeutet es, wenn ich als Verbraucher jederzeit die Wahl habe zwischen allen möglichen Alternativen und – ist es denn überhaupt so? Und wenn ja: Was fange ich mit ihr an?

Betrachtet man die konkrete Situation des Verbrauchers für einen Augenblick etwas genauer, dann ist sogleich eine fundamentale, dreifache Determiniertheit zu konstatieren, denn die konstitutive Eigenschaft des Verbrauchers besteht in dem schlechthin unabwählbaren Umstand, verbrauchen zu müssen – zunächst einmal aufgrund seiner grundsätzlich auf den notwendigen, unentwegten Verbrauch von Energie (Stoffwechsel) und den Gebrauch von defizitkompensierenden Werkzeugen (Mängelwesen) angewiesenen physiologischen Verfasstheit (biologischer Organismus).

Dazu kommt seine soziologisch bedingte Angewiesenheit, sich mittels unterschiedlicher Formen und Intensitäten des materiellen Verbrauchs bzw. der demonstrativen Aneignung bestimmter, repräsentationsfähiger Güter innerhalb der sozialen Gemeinschaft zu definieren, zu artikulieren, zu differenzieren etc. (Inklusion/Exklusion) und sich so überhaupt erst als anerkannter, wahlberechtigter Teilnehmer am gesellschaftlichen Leben zu legitimieren (sozialer Organismus).

Letztlich besteht die hinreichende Unfreiwilligkeit des Verbrauchs – und mithin die kollektive Verpflichtung der Verbraucher zum Verbrauch – in einem organismusanalogen, auf permanenten ökonomischen Stoffwechsel basierenden, wachstumsorientierten Wirtschaftssystem in dem zwingenden Umstand, dass – ungeachtet individueller Bedürfnisse – schon allein und vor allem aus ökonomischer Perspektive verbraucht – also konsumiert werden muss (ökonomischer Organismus).

Es ist nicht nur das persönliche Glück des Einzelnen, welches sich aus dem Erwerb von mehr oder weniger Produkten ergibt, sondern die fundamentale Existenzgrundlage der marktwirtschaftlichen Konsumgesellschaft insgesamt. Der ununterbrochene Warenkreislauf ist die Hauptschlagader der modernen Zivilisation, er ist zugleich Grundlage und Ziel seiner eigenen Beständigkeit. Wenn die Verbraucher von heute auf morgen nur noch Dinge konsumierten, die sie notwendigerweise brauchen, würde das kapitalistische System umgehend kollabieren. Existenziell abhängig vom sündigen Hedonismus seiner Bewohner ist der moderne Garten Eden eine Schlangengrube von Werbung, Marketing und Design – zwanghaft verführerisch und verschwenderisch. Im überfüllten Supermarkt der Möglichkeiten, am Wühltisch der Optionen wird sie sichtbar, die paradoxe Natur unserer Wahlfreiheit – die Sklaverei der Freiheit.

Bild 3 Die Wahl haben Andere

Wahlzwang – das klingt etwas befremdlich, denn eingangs des 21. Jahrhunderts ist, so scheint es zumindest, in der Ära des mündigen Verbrauchers jede Kaufentscheidung freiwillig. Bei näherem Hinsehen wird jedoch schnell erkennbar, dass das Gefühl individueller Freiheit, zwischen allen nur vorstellbaren Möglichkeiten wählen zu können, den tatsächlichen, unentrinnbaren Zwang verdeckt, wählen zu müssen. In dem Augenblick, wo unkritische, unreflektierte Konsumwünsche das objektive Urteilsvermögen hinsichtlich realer, essenzieller Lebensqualität verdrängen, offenbart sich die erfolgreiche Wirkung der psychologischen Intervention eines primär kommerziell orientierten, kapitalistischen Systems in die Bedürfniswelten seiner Individuen: ‚Früher oder später kriegen wir euch alle.‘ ( Danone)

In einem gesättigten Warenmarkt erweist es sich zunehmend als schwierig, noch unbefriedigte Bedürfnisse und unerfüllte Wünsche zu entdecken – der Mangel ist Mangelware und die Umschlagsgeschwindigkeit von Konsumgütern nimmt mit dem Grad ihres Überflusses naturgemäß ab. ‚Dennoch, und hier liegt das Dilemma mit dem wir umgehen müssen, brauchen wir grundlegend neue intelligente Produkte und Dienstleistungen, nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen. Design bekommt zunehmend die Aufgabe, diese inklusive der dazugehörigen Probleme zu erfinden.‘ ( Wolfgang Jonas, in: Objekt und Prozess, S. 165)

Hier kann man sie also finden, die wahren Verwalter der Wahl: Designer, Marketingspezialisten, Werbetreibende. Die kreativen Missionare und Hüter eines posttheistischen universellen Glaubens an die Erlösung durch Konsum produzieren unendliche Mengen von Alternativen und machen damit nicht nur die Atmosphäre der Wahl verfügbar, sondern gestalten zugleich auch Entscheidungshilfen für Individuen, welche im Chaos der unbegrenzten Möglichkeiten selbst keine Wahl mehr zu treffen vermögen.

‚Anything is possible‘, das ist längst nicht für jeden eine erfreuliche Nachricht. Für immer mehr Menschen wird es immer schwieriger, den existenzialistischen Selbstentwurf zu bewältigen, das do-it-your-self der Individualisierung führt in die Qual der Wahl. Moderne Menschen sind überlastet von Optionen, und Wirklichkeit bedeutet für sie immer: Selektionszwang und Entscheidungsdruck. Die eigentliche Herausforderung ist dabei offenbar nicht so sehr das vieldiskutierte Problem fehlender ethischer und ästhetischer Wertmaßstäbe der Verbraucher, denn die werden vom jeweiligen Anbieter der jeweiligen Situation entsprechend passgenau generiert, sondern eher die bedrückende Vielzahl der sich bietenden Wahlmöglichkeiten. Hier geht es um die Schaffung von Orientierungsmarken, denn die Frage danach, was im Augenblick gerade angesagt ist, nach dem ‚Trend der Woche‘ führt eben wesentlich schneller zu klaren, wahlentscheidenden Standpunkten als die Frage danach, was alles möglich wäre.

‚Konsum ist Arbeit, eine unbezahlte zwar, aber bisweilen durchaus anstrengende. Sie besteht in der Qual der Wahl, die ein ausgereiftes Wunschmanagement erfordert, und der mühsamen Zügelung der allseits provozierten Gier, aber auch in den Begleiterscheinungen und seelischen Folgekosten des Shoppings, das vielleicht zu Unrecht zu den größeren Vergnügungen der Gegenwart gezählt wird.‘ ( Walter Grasskamp, in: Konsum ist Arbeit, S. ALB 4)

Der desorientierte, sinnsuchende postmoderne Mensch wird immer abhängiger von Inszenierungen eines oder besser: seines möglichen Lebensentwurfes. Er ist immer stärker darauf angewiesen, sich Lebensmodelle zeigen, simulieren, vorspielen zu lassen. Die Werbung nimmt ihn an die Hand, sie entwirft, inszeniert und souffliert seine Rolle im multioptionalen modernen Konsumtheater. ‚Wohnst du noch, oder lebst du schon?‘ ( Ikea) und ‚Isst du nur, oder geniesst du auch?’ ( Werder-Feinkost), so oder ähnlich moderieren offensiv argumentierende Wareninszenierungen den Lebenswandel des orientierungssuchenden Individuums. Zwischen ‚Man nehme‘ und ‚Du darfst‘ liest die Warenwerbung dem Verbraucher seine Wünsche nicht etwa von den Lippen ab, sondern legt ihm selbige erst einmal bevormundend in den Mund, sie dringt tief ein in dessen Bedürfnisstrukturen und Verhaltensmuster und installiert dort ihre eigennützigen Botschaften. Dabei suggeriert sie durch personalisierte Ansprache einen scheinheiligen Individualismus, der sich bei genauem Hinsehen als massenkonsumistischer Konformismus erweist.

Alles oder nichts

Wer hat die Wahl? Für den – zwischen die Fronten der um Aufmerksamkeit wetteifernden Verführungsmaschinerie – geratenden Flaneur ist es immer schwieriger, beim Treffen seiner Wahl Bedarfsbefriedigung von Kauflust zu unterscheiden. Unentwegt verwandeln sich unwahrscheinliche Ideen und utopische Phantasien in realisierbare Möglichkeiten und verdrängen dabei zunehmend die Wahrnehmung und das Bewusstsein für das Notwendige – soweit dessen Definition überhaupt jemals konsensfähig möglich sein kann. In einem weitgehenden Zustand grundsätzlich abgesicherter Primärbedürfnisse werden ästhetische Präferenzen, fetischisierte Kauflust oder sozialer Anschlusszwang zu elementaren Auswahlkriterien – fließend verläuft hier die Grenze zwischen der Wahl und dem Wählerischen. Die von der Werbung rekrutierte All-in-one-Mentalität will sich nicht entscheiden müssen, wählt nicht das eine oder das andere, sondern beansprucht nicht weniger als das gesamte: den Multifunktionsapparat, das Bundle-Paket oder am besten gleich: ‚Die ganze Welt der Unterhaltung‘ ( Premiere).

Es hat wenig Sinn, nach der Sinnhaftigkeit von Wahlalternativen zu fragen, deren Sinn sich in dem Umstand ihres schieren Vorhandenseins erschöpft, im alleinigen Bestreben, das Prinzip der Wahlmöglichkeit an sich aufrecht zu erhalten. Unermüdlich läuft deshalb – parallel zur florierenden Bedürfnisproduktion – die inflationäre Sinnproduktion in einer hektisch nach Diversifikation strebenden Erlebnisindustrie. Sinn stattet das je aktuell vollzogene Erleben oder Handeln mit redundanten Möglichkeiten aus – wie Niklas Luhmann feststellte –, wodurch zugleich auch wieder die Selektionsunsicherheit kompensiert wird. Schließlich bedarf es immer irgendeines Grundes, um überhaupt eine Wahl treffen zu können. Aber: Sinn ist längst nicht mehr unbedingter Garant und taugt kaum noch als zuverlässiges Argument für die richtige Wahl, denn wo alle objektiv nachvollziehbaren Bewertungsmaßstäbe versagen, da wird gerade auch das überflüssig und sinnlos Erscheinende zum subjektiven Rechtfertigungsgrund für dessen Begehr: ‚Sei doch ehrlich. Du brauchst es nicht wirklich. – Aber ist das nicht gerade der Reiz?‘ ( Lancia)

Ist die Frage nach dem Inhaber der Wahl insofern nicht auch eine sinnlose Frage? Möglicherweise – und warum auch nicht? –, aber: Nicht selten ist die Behauptung mangelnden Sinns weniger kritischer Einwand als vielmehr hilfloser Rechtfertigungsversuch für die eigene Orientierungslosigkeit bzw. die Unfähigkeit, sich in der schlicht unüberschauenden Vielfalt zur Auswahl stehender Möglichkeiten für eine Variante entscheiden zu können oder auch nur zu wollen. Zu viele suggestive Wahloptionen suspendieren das Denken und lähmen das Handeln.

Bild 4

Letzte Wahl

Weithin determiniert und umgeben von einer – ungeachtet ihrer fortschreitenden kulturellen Überformung – bis auf Weiteres unauflösbar biologischen, chemischen und physikalischen Gesetzmäßigkeiten unterworfenen natürlichen Lebenswelt, angetrieben von einem genetisch präkonfigurierten, sensorisch hochempfindlichen und zugleich maschinenhaft funktionierenden Organismus, eingefriedet von den Geländern kulturell bzw. gesellschaftlich verabredeter Regeln und Konventionen und letztlich auch irgendwie abhängig vom Bestand einer Reihe erworbener und liebgewonnener Gewohnheiten – jenseits also einer beträchtlichen Anzahl hartnäckiger Determinanten – beschränken sich die Motive unserer tatsächlichen Wahlmöglichkeiten auf Weniges: auf die Entscheidung zwischen zwei- und vierlagigem Toilettenpapier, für die Teilnahme an Preisfragen oder gegen das Singen unter der Dusche und letztlich immer noch für das freiwillige Ausscheiden aus dem Leben zum selbstgewählten Zeitpunkt, der einzig verbleibenden Freiheit – wie Jean-Paul Sartre es einst formulierte. Aber welcher ist der rechte Zeitpunkt und vor allem: wer hat die Wahl?

Paradoxieverdächtig divergieren die Fortschrittsmeldungen einer hypertechnisierten, sterbensverzögernden Apparatemedizin mit den gesellschaftlichen und politischen Debatten zur Liberalisierung der aktiven Sterbehilfe. Angesichts der zum Menschlichkeitsgebot erhobenen Optionen einer beliebig terminierbaren, technisch gestützten, vegetativen Lebensverlängerung werden gegenwärtig jenseits dieses karitativen Mehrwertes die selbstbestimmten, frei wählbaren Gestaltungsmöglichkeiten eines Opportunitas mortis ausgelotet, werden potenzielle, menschenwürdige Fluchtwege markiert aus einer bis zur Sinnkrise versachlichten Realität, in welcher die programmatische Befreiung vom naturalistischen Geburtenfatalismus umzuschlagen droht in den technokratischen Fatalismus einer Pflicht zum Überleben um jeden Preis.

Immer häufiger zeigen medienwirksame Debatten um todessehnsüchtige Schwerstkranke oder Wachkomapatienten eindrucksvoll die Grenzen der Freiheit eines freiheitlichen Systems auf, in welchem die Wahl der vorzeitigen Beendigung des eigenen Lebens im schicksalhaften Falle des physischen Unvermögens, selbst Hand an sich zu legen, nicht mehr in der Hand des fremdanimierten und womöglich bewusstlosen Individuums liegt, sondern zum heiklen Gegenstand langwieriger Verhandlungsprozesse in verunsicherten Ethikkommissionen und orientierungslosen Expertengremien wird. Und nur, wenn sich schließlich ein liebender Partner oder ein couragierter Arzt findet, der genügend Entscheidungskraft aufbringt und mit seiner autonomen Entscheidung zur Sterbehilfeleistung den unbequemen Weg möglicher strafrechtlicher Konsequenzen wählt, geht dieser letzte Wunsch jenseits einer souveränen, individuellen Wahl als fremdbestimmter Gnadenerweis in Erfüllung.

Fazit

Resümierend scheint es so, als hätte tatsächlich niemals irgendwer die Wahl, sich gänzlich frei entscheiden zu können. Eingeklemmt zwischen unendlich vielen gegebenen Bedingungen und zur Freiheit verurteilt, empfindet man die Frage nach dem Inhaber der Wahl entweder zynisch oder hoffnungslos ratlos.

Aber es ist nicht die unauflösbare Situation unserer biologischen und sozialen Determiniertheit, nicht so sehr die konsumistische Manipulation oder gar das naturwissenschaftliche Dementi des freien Willens, und auch nicht die prinzipielle Fehlbarkeit individueller Wahlentscheidungen, welche uns beunruhigen sollte, sondern allzu leichtfertig daraus abgeleitete, persönliche Konsequenzen. Es scheint am einfachsten, angesichts einer überkomplexen, vom Einzelnen kaum veränderbaren Lebensumwelt die Bedeutung eigener Entscheidungen und den Wert einer eigenständigen Position für vergeblich zu halten und deshalb die Wahl grundsätzlich irgendwem zu überlassen.

Wenn es jedoch so ist, dass immer Andere entscheiden, so bin auch ich im Bezug auf jene ein anderer Entscheider, was bedeutet, dass ich mit meinen konkreten Entscheidungen und Handlungen auch das Leben anderer beeinflusse. Ebenso wie meine jeweilige Lebensplanung ist auch die Vorstellung Anderer geprägt von der leisen Zuversicht, ihren Weg so barrierefrei als möglich wählen zu können. Die Chance liegt – so meine ich – in der Möglichkeit, sich seiner eigenen Verantwortlichkeit bewusst zu werden und mit seinem Handeln im Sinne eines Gemeinschaftsverständnisses verantwortungsvoll umzugehen, anstatt in bequeme Gleichgültigkeit oder larmoyanten Fatalismus zu verfallen.

Wir haben die Wahl, mehr Selbst-Bewusstsein zu wählen, mehr Einmischung und mehr Toleranz. Diese Einsicht kann dabei helfen, das Bewusstsein zu befördern für die Möglichkeit, sich selbstbestimmt – also freiwillig – zu positionieren, seinen autonomen Standpunkt in einer determinierten Welt zu wählen. Wer das vermag, hat schon sehr viel erreicht und – diese Form der Wahl ist nicht übertragbar.

Literatur
Walter Grasskamp, „Konsum ist Arbeit“, Essay in: Der Standard vom 10. Januar 2004, Album.
Objekt und Prozess, hrsg. von Johannes Langenhagen, Publikation zum
17. Designwissenschaftlichen Kolloquium an der Hochschule für Kunst und Design Halle, Burg
Giebichenstein, Halle/Saale 1996.

 

 
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