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„Humbowogh“

Martin Kruse

 
 

Ich glaube, Humbowogh hatte die Wahl.

Aber das sollte ich wohl besser begründen:

Sie werden Humbowogh nicht kennen; er ist niemandem bekannt, denn es gibt ihn nicht mehr: Humbowogh war diese Gestalt in der Einbildung des Tagräumers Pug, er war dieser kleine imaginäre Kerl auf seiner rechten Schulter, der ständig gegen das namenlose Wesen auf der linken opponierte.

Pug lebte vor über 17000 Jahren und es war Humbowogh, der ihn dazu verleitete, in seiner Höhle das Malen zu beginnen, anstatt jagen zu gehen: Pug schnappte sich, sehr zum Ärger seiner Horde, einen Feuersteinmeißel und fing an, Wisente, Rinder, Hirsche und Steinböcke an die Wand zu kritzeln. Da seine Begabung für das Zeichnen sich von begnadeter Kunstfertigkeit ausnahm, wurde ihm schon bald die Aufmerksamkeit der Mitglieder seines Stammes zuteil; man schrie und winselte seine Malereien an, und als die Horde irgendwann begriffen hatte, dass Pug allein diese Tiere auf den Steinen zum Leben erwecken konnte, begann sie, darauf zu achten, dass er nicht mehr jagen gehen musste und sich von den Almosen der anderen ernähren konnte. Auf diese Weise ging Pug, der Schöpfer Humbowoghs, als erster freier Künstler in der Geschichte der Menschheit ein. Dieser Tradition (Humbowoghs Tradition) folgend, entwickelten sich in den Jahrtausenden danach ständig Künstler, deren Begabungen es den Menschen wert waren, von der Gemeinschaft unterstützt zu werden.

Und so kam es, dass eines Tages, irgendwann vor rund zweitausendachthundert Jahren, ein Grieche namens Homeros sich diesem präzivilisatorischen Brauch zufolge auch in den Reigen der freien Künstler einreihen konnte. Unter den mehr oder weniger komfortablen Umständen, die seine Zeit ihm bieten konnte, fasste der ehrgeizige Blinde die Ilias ab, ein Stück, das im Jahre 1326 nach Christus den Mönch Salvatore de Contega in Italien dazu veranlasste, sich ebenfalls schriftstellerisch zu betätigen. Da de Contega, unwissendlich der Sohn einer Hure, aber leider Gottes vollkommen untalentiert war und ihm dies mit jedem neuen Stück, das er schrieb, stets aufs Neue von seinem verärgerten Abt bestätigt werden musste, sank sein Stern immer weiter, bis der Abt den besinnungslos in die Kunst Verliebten schließlich aus dem Kloster verjagte. De Contega, völlig außer sich, gönnte sich eine kreative Pause und ließ sich – rein zum Zwecke der Inspiration für die weitere Kunstschaffung – mit einer Hure (es war seine Mutter) ein und zeugte, ohne davon je zu erfahren, ein Kind. Da dieses Kind geistig nicht ganz wohlgeraten war und daher von der (Groß-)Mutter verstoßen wurde, blieb es nicht aus, dass es seine Macken in einem Waisenhaus ganz allein für sich pflegte: Das Kind konnte kaum sprechen, summte immerzu einfache Melodien und litt unter pervertiertem Waschzwang: Es putzte sich und wusch sich, wann immer es einen Brunnen fand oder sonst ein Gewässer in die nach Feuchtigkeit grabschenden Finger bekam.

Und umso mehr hatte es den Anschein, der Teufel statuiere an diesem Menschen ein sarkastisches Exempel, als ausgerechnet dieses schwächliche, zurückgebliebene Kind als junger Mann eine grausige Seuche schadlos überstand, die furchtbar über Europa hinwegfegte und ganze Dörfer dahinraffte.

Der allgegenwärtige Tod trieb den tumben Kerl fort, so dass er weit draußen auf dem Lande eine verlassene Frau fand, die ein Baby bei sich trug; ihr half er zu überleben. Als dieses Baby groß geworden war, entdeckte es dank des Grunzgesanges seines behinderten Ziehvaters seine Liebe zur Musik und begann als Sänger mit der Laute durch die Lande zu ziehen und an den Höfen für einige Münzen aufzuspielen.

An einem schönen Junimorgen jedoch blies ein scharfer Wind, der diesem Manne das Haar ins Gesicht wedelte, so dass er nichts sehen konnte und direkt in den Lauf eines galoppierenden Pferdes rannte, das ihn unglücklicherweise über den Haufen trampelte. So schad es war – unser Musikus war auf der Stelle mausetot. Da aber der Bürgermeister dieser Stadt auch kürzlich seinen Sohn verloren hatte, beschloss er aus Mitleid, in seinem Orte eine Geschwindigkeitsbegrenzung für Reiter zu verhängen; bei Eile sei gerade einmal das Traben erlaubt, ansonsten habe man Schrittgeschwindigkeit einzuhalten und in der Mitte der Straße zu reiten.

Dieses Gesetz wiederum verleitete den alten ängstlichen und sehbehinderten Belini, in dem Ort wohnen zu wollen. Belini, der ein kluger Barbier war, schnitt drei Jahre später einem stadtbekannten Mörder beim Rasieren die Kehle durch, weshalb er nun, da die Taten des Mörders nicht bewiesen waren, rechtmäßig gehängt werden sollte. Belini war schwer – er wog über 120 Kilogramm und als sein fetter Körper unter dem Gejohle der Massen in das Seil fiel, brach der Galgen und erschlug die Mutter eines Neugeborenen. Kurz darauf starb auch ihr sensibles Kind, das ohne seine Mutter nicht länger leben wollte. Wäre es jedoch großgezogen worden, hätte es die Welt mit der Erfindung architektonischer Techniken verändert – besonders mit dem Bau freitragender Kuppeln von immenser Größe. Das wiederum hätte den dann amtierenden Päpsten jahrzehntelang den Rücken gestärkt, woraufhin diese die Christenheit für eine neue Ära der Kreuzzüge hätten mobilisieren können, welchen ihrerseits ein orientalischer Mann zum Opfer gefallen wäre, der später noch eine Tochter zeugen sollte, die so schön war, dass sie vom Prinzen des Landes zur Frau genommen wurde.

Diese Schöne wurde also, dank des Todes des Kleinkindes bei der Hinrichtung Belinis, geboren. Über ihre Schönheit hinaus war sie auch noch klüger als ihr Mann, der Prinz. In seinen späteren Königsjahren setzte sie ihn folglich mit dem Entzug körperlicher Liebe so beständig unter Druck, dass er ihr auf Geheiß immer neue Mittel zur Unterstützung ihres Vaters als Provinzhalter gewährte. Dieser aber wurde von der Sucht nach dem Genuss einer durch Rauchen konsumierbaren Pflanze geleitet und trieb so sich selbst und die ganze Provinz nach und nach in den Ruin.

Durch diesen Niedergang schwächte sich die politische und militärische Schlagkraft der orientalischen Mächte, woraufhin diese ihren Druck auf Europa nicht so intensivieren konnten, dass sie jene Landgewinne zu verzeichnen gehabt hätten, welche ihrerseits dem Bauernjungen Ferenc den Acker und das Leben gekostet hätten.

Nachdem auf Ferenc’ Hof jedoch fallende Blätter spät im Herbst eine Gartenhacke überdeckten, trat Ferenc auf den Metallkopf derselben. Sie schnellte ihm direkt ins Gesicht, und obwohl er noch etwas zurückwich, brach sie ihm das Jochbein. Die Wunde heilte derart schlecht ab, dass Ferenc eine hässliche Narbe zurückbehielt und somit keine Frau finden konnte, die ihn nahm, wie er war.

Also begann er, seinen Stalljungen zu lieben, und verließ gemeinsam mit ihm das Land. Ferenc und sein als Neffe getarnter Gefährte gingen nach Italien und wurden dort am Hafen von La Spezia von einem raubeinigen Seefahrer gesehen, der auf einem spanischen Handelsschiff unterwegs war und in der Art der Berührungen zwischen Ferenc und seinem Gefährten seine eigene Neigung erkannte. Wieder auf dem Mittelmeer, vor der Küste Frankreichs unterwegs, begann der Seemann, seinem ersten Offizier Avancen zu machen. Dieser stieg tatsächlich auf das Angebot ein, und als die beiden halbnackt und umschlungen von Teilen der Mannschaft unter Deck erwischt wurden, gab es eine Meuterei, in deren Verlauf die aus ihrem Versteck geflohene Schiffsratte dem Schiffskoch versehentlich ins Herdfeuer über der kochenden Suppe sprang. Ihr Geschrei beim Verbrennen am lebendigen Leibe war dabei derart durchdringend, dass sich bei einem nervösen Matrosen ein Gewehrschuss löste, der eine ganze Schießerei anzettelte, in deren Folge mehrere Lecke in den Rumpf der Karavelle geschossen wurden, die daraufhin sank.

Die spanische Krone war verärgert. Ihr ging auf diese Weise eine beträchtliche Anzahl Goldstücke verloren, weshalb der König unleidlich war und seinen Gärtner hängen ließ, als dieser sich im falschen Moment nicht tief genug verbeugte. Daraufhin kamen zur Vollstreckung des Urteils große Menschenmassen; unter ihnen ein kleiner Junge, der bei dieser Gelegenheit ein Mädchen kennen lernte, dass er später zur Frau nehmen und mit ihr achtzehn Kinder haben sollte. Diese Kinder wiederum genossen eine Frühform der antiautoritären Erziehung und wurden mit ihrer von den Eltern entwickelten Lehre zur Triebfeder für einen streng erzogenen Schmiedsohn aus demselben Ort, sich den Calvinisten anzuschließen und nach Genf zu reisen, um solchen Auswüchsen in der Erziehung zukünftig den gebührenden Widerstand leisten zu können.

Auf seiner Reise dahin traf er einen Jungen am Straßenrand, der ihn frech anglotzte, eine Pusteblume von der Wiese riss und sie ihm spöttisch entgegenpustete. Dann rannte der Junge davon. Da aber ein stolzer Westwind herrschte, flogen die grauen kristallartigen Gebilde an ihrem Ziel vorbei und landeten direkt im tiefen Dekolletee zwischen den prallen Brüsten einer Jungfrau. Da die Pusteblumenreste sie kitzelten, musste sie lachen und griff sich in den Ausschnitt, woraufhin der Schmiedsohn (der auf der Reise nach Genf war) glaubte, die Frau sei eine Hure, die ihm ihre Dienste am helllichten Tag und auf offener Straße anbot. Er verprügelte sie sofort mit seinem Wanderstab. Das Bild dieses zornigen Fremden aber setzte sich im Kopf eines wandernden Sängers fest, der die Szene in einem später sehr bekannten Volkslied abwandelte und als anmutig und still beschrieb, da der Schmiedsohn die Schöne vom Lande so elegant gezüchtigt habe.

Dieses Volkslied wiederum inspirierte einen gewissen Michelangelo da Caravaggio, im Jahre 1593 ein Bild zu malen, auf dem ein Junge mit Früchten zu sehen ist.

Die nackte Schulter dieses für immer in Öl festgehaltenen Jungen wiederum ist es gewesen, die einen begabten österreichischen Burschen um die Wende zwischen 19. und 20. Jahrhundert dazu verführte, Maler werden zu wollen. Als man ihm jedoch um den ersten Weltkrieg herum zu verstehen gab, dass seine Begabung für eine große Karriere nicht ausreichte, änderte er seine Taktik, wurde Politiker und stellte so die Welt auf den Kopf.

Dank der politischen Umwälzungen durch unseren österreichischen Möchtegern-Maler wurde der kleine Hans Hansen zum Waisenkind und es trug sich zu, dass er sich als Schuljunge in den neunzehnhundertfünfziger Jahren auf einem Waldspaziergang zufällig vom Westen in den Osten Deutschlands verirrte und dort von einer fremden Familie aufgenommen wurde. Er war ein fröhliches Kind, er pflanzte begeistert Kräuter im Garten seiner Pflegeeltern, verweigerte aber partout das Unkrautzupfen, was die Nachbarn von Hansens Pflegeeltern in den sechziger Jahren endgültig zur Weißglut trieb: Weil sein Unkraut ständig ihren Garten befiel, denunzierten sie Hans Hansen unter fadenscheinigen Argumenten und sorgten auf diese Weise dafür, dass er interniert wurde und keine Kräuter mehr pflanzen und kein Unkraut mehr wuchern lassen konnte.

Hans Hansen verlor während der jahrelangen Haft all seine Zähne, jedoch nicht seinen Lebensmut und heiratete nach seiner Entlassung eine gewisse Rita, eine Zahntechnikerin, die nebenbei Operationsbeleuchtungslampen weiterentwickelte und bei einer Tagungsreise diesbezüglich nach Russland der Wurstwarenverkäuferin Raisa Jelinenkowa den Kopf verdrehte und sie ermutigte, frei zu leben und, so wie sie es immer gewollt hatte, Musikerin zu werden. Als solche zog Jelinenkowa in den folgenden Jahren durch das sozialistische Ausland und sorgte mit einem ihrer Auftritte in Ostberlin dafür, dass die Eltern der kleinen Andrea Schulze 1975 ihre Tochter wegen des Konzerts abends allein zu Hause ließen.

Andrea wusste nicht recht, was sie tun sollte. Schlafen wollte sie jedenfalls nicht. Also kroch sie wieder aus dem Bett, in das ihre Eltern sie gesteckt hatten, und schaltete den Fernseher ein, wo in einer Sendung gezeigt wurde, wie Jungpioniere beim Zelten sachgemäß ein Lagerfeuer entzündeten. Die kleine Andrea war gleich Feuer und Flamme für die Idee; sie folgte den Anweisungen so gut sie konnte; legte sogar Ziersteine um die Stelle auf dem Teppich, die ihr am besten für ihr kleines Feuerchen erschien und holte Mamas Streichhölzer.

Ohne lange zu fackeln, brannte die kleine Andrea das Mehrfamilienhaus, in dem sie mit ihren Eltern lebte, ab. Glücklicherweise aber wurde niemand dabei verletzt.

Nur obdachlos wurden einige – unter anderem meine Mutter. In Ostberlin, 1975. Mein Vater, damals Feuerwehrmann (der leider versäumt hatte, meine Mutter zu retten; stattdessen war ein älterer, erfahrener Kollege zu ihr gestürzt, hatte sie genötigt, sich die Leiter hinunterbringen zu lassen und damit meinem Vater die Möglichkeit gegeben, meine Mutter aus den Fängen dieses Kollegen zu befreien), mein Vater jedenfalls war ein gut gebauter, gut aussehender Mann, der ihr flugs eine Bleibe für die Nacht anbot; denn ihn hatte seine letzte Freundin nur Tage zuvor verlassen; das Bett war also beinah noch warm.

Und so wurde ich in jener Nacht gezeugt, in der die kleine Andrea freundlicherweise ihre Wohnung in Brand gesteckt hatte. Und nun sitze ich hier. Nachdem ich beim Einkaufen als fünfjähriger an der Hand meines Vaters niedlich geguckt und in einer Frau den Kinderwunsch geweckt habe, weshalb sie nun sieben Töchter hat. Nachdem ich als zwölfjähriger mit dem Fahrrad verkehrt herum in die Einbahnstraße gefahren bin, was einen Autofahrer so sehr erschreckte, dass sein Wille, seiner Müdigkeit nicht nachzugeben, gestärkt wurde, was ihn davor bewahrte, in die nächste Mauer zu krachen. Nachdem ich mit fünfzehn Rasen gemäht und dabei versehentlich eine tote Ratte zerstückelt habe, was in mir einen tiefen Rattenhass ausgelöst hat, der noch heute Albträume hervorruft. Nachdem ich mit neunzehn einen Unfall gebaut habe, der verhinderte, dass ich einen schwereren baute, der mich das Leben gekostet hätte. Nachdem ich im Studium so ungeschickt in der Klausur betrogen habe, dass man mich durchfallen ließ, woraufhin ich meine jetzige Frau in der Prüfungswiederholergruppe kennenlernte. Nachdem ich ihr betrunken ein Kind gemacht habe, das gerade, völlig nüchtern und doch nicht bei Sinnen, auf meinen Teppich macht, während ich hier schreibe und dabei vergesse, mein mit Gammelfleisch versetztes Mittagessen zu mir zu nehmen, das mich, würde ich es essen, krank und im Krankenhaus zum Opfer eines Ärztefehlers machen würde. Nachdem ich gestern beschloss, meinen Dauerchat mit einer Amerikanerin wegen der hohen Internetkosten zu beenden, was nun verhindert, dass ich sie heirate und ein reicher und darüber hinaus noch überaus glücklicher Mann werde. Nachdem ich eben einatmete und nun beschließe, zum Ende zu kommen, denn neben dem scharfen Geruch vom Teppich war da auch noch der eines Frauenparfums, dem ich nun nachgehen werde…

Unterm Strich – bei allem, was passiert ist – ich bleibe dabei: Ich glaube, niemand anderes als Humbowogh hatte die Wahl. Eigentlich bin ich mir sogar ziemlich sicher.

* Die Person des Ich-Erzählers ist frei erfunden und weist keine wesentlichen Gemeinsamkeiten mit dem Autor auf.

 
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