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„Wie es dazu kam, dass ich mich neulich entschied“

Norbert Herrmann

 
 

Erster Tag: Ich habe nicht aufgepasst. Einen kurzen Moment lang habe ich nicht aufgepasst. Ließ mich ablenken, vom Donnern und Blitzen, vom Wolkenbruch. Und jetzt ist alles verloren. Ich hörte noch das leise Zischen, mit dem sich der Unterdruck zwischen unseren Mündern verringerte. Mit einem kaum vernehmbaren Plopp rissen unsere Lippen endgültig auseinander. Ich rutschte von ihr ab. Es war wie in einem Albtraum, wenn man von einem übermächtig starken Magneten zu Boden gezogen wird. Meine Fingernägel haben eine blutige Kratzspur von ihrer Unterlippe bis zu ihrem Kinn hinterlassen. Hoffentlich wird sie mir das nicht lange nachtragen.

Ich stürzte auf ihr Brustbein. An den Brüsten wagte ich nicht, mich festzuklammern – auch wenn ich das langsame Hinabgleiten genoss. Jetzt, hier unten, gibt es Momente, da ich an ihren weichen Busen denke. Andere Momente werden erhellt durch die Erinnerung an das Streichen über den Bauch, ihren Bauch, mit den Härchen an ihrem tiefen Nabel – der mir auch keinen Halt bot. Und dann kam er, der Rock. Der lange, faltige Rock. Reflexartig griff ich zu.

Nun zappele ich hier herum und versuche beharrlich, mich emporzuhangeln. Ich spüre noch der Abdruck ihrer Lippen auf meinen Lippen, habe noch den Duft ihrer Haare in meiner Nase. Trotz aller Anstrengung, höher als zum Bund des Rockes habe ich es bisher nicht geschafft. Dort gibt es nichts, woran ich mich festhalten könnte. In einem wiederkehrenden Schreckensmoment stolpere ich – mehr als ich rutsche – den vom Regen noch feuchten Rock wieder hinunter. Den festesten und sichersten Griff hat man ganz unten, am Rocksaum.

*

Zweiter Tag: Am anderen Ende des Saums bewegt sich etwas. So sehr er sich auch tarnt, ich habe ihn entdeckt. Dieses kleine Männlein hat es sich am Rockzipfel eingerichtet, liegt in einer Falte und regt sich kaum.

Ihm könnte ich berichten, vom Rutschen, vom Versuch des Aufsteigens. Er würde mir zuhören. Ihn könnte ich fragen, wieso ich diesen einen Moment nicht aufpasste, wieso ausgerechnet ich alles verlieren musste. Er würde mit mir sprechen. Er würde staunen, wenn ich ihm erzähle, wie ich plötzlich an Körpergröße verlor. „Warum steht der Rock immer senkrecht?“ wäre einer meiner Fragen, „Was kommt, wenn man vom Rock fällt?“. Vielleicht wüsste er, wie lange ich es überstehen kann, nicht zu schlafen, nicht zu essen, nicht zu trinken. Endlich hätte ich doch jemanden gefunden, der sich interessiert für mich, einen Freund.

Als ich ihn zur Kontaktaufnahme intensiv anstiere, schaut er demonstrativ weg. Ab da ignoriere ich ihn.

*

Dritter Tag: Jede ihrer Bewegungen, jede Schwingung ihres Körpers, vervielfacht sich in den Schwingungen des Rocks. Es ist eine Freude, wenn sie beginnt, sich mit mir im Kreis zu drehen. Ich kralle mich noch fester an den Saum und rausche durch die Lüfte. Sie und ich, gemeinsam tanzen wir. Das wilde Flattern ihres Rockes übertönt mein Jauchzen. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass auch seine Augen funkeln.

Es kann auch zu viel werden mit unserem Tanz. Dann krampfe ich zusammen, verdecke mein Gesicht im Rockstoff, bete um Ruhe. Tränen rollen mir über die Backen. „Warum hab ich nicht aufgepasst?“ schluchze ich. Regelmäßig übermannt mich in solchen Fällen die Übelkeit und ich beschmutze den Stoff.

*

Vierter Tag: Ich klammere mich mit den Knien am Ende des Saumes fest und greife sachte nach Innen. Nach kurzem Verschnaufen wage ich mich weiter, ziehe mich nach oben. Immer tiefer hinein, immer höher hinaus. Ich fühle mich wie in einem Brunnenschacht, auf dem Weg nach oben. Nur entferne ich mich bei meinem Aufstieg von der Lichtquelle.

Oh wie kitzelig sie ist, wie gefährlich wäre eine falsche Berührung. Mit einem Zucken würde sie mich mit ihren Knien zerquetschen. Aber ich gebe mir Mühe, wie immer gebe ich mir Mühe, gehe äußerst bedächtig und vorausschauend vor. Bei jedem Aufstieg tarne ich meine erste Berührung ihrer nackten Haut als wäre ich eine Rockfalte, die sich zwischen ihre Schenkel verirrt hat. Verausgabt kehre ich zurück zu meinem Platz und lutsche die Feuchtigkeit aus dem klammen Stoff des Rockes.

Es kostet mich beträchtliche Willenskraft, nicht einzuschlafen. Denn Einschlafen bedeutet Aufgeben. Mit dem Einschlafen würden sich meine Finger nicht mehr festkrallen. Ich würde fallen, ins Leere. Also heißt es für mich: Aufpassen, immer auf der Hut, immer festgeklammert.

Mein dauerndes Klammern ist nicht gut für meine Finger, ist nicht gut für den Stoff. An manchen Stellen ist der Saum schon ausgefranst. Aber das muss sie mir verzeihen. Die Schmerzen in meinen Fingern halte ich aus. Ich werde mich weiter festklammern, ich bleibe bei ihr.

*

Fünfter Tag: Das kleine Männlein wagt, sich über Nacht mit einem Bein an zwei Fransen anzuknoten. Eine Nacht, letzte Nacht, ging das gut. Am Morgen streckte er sich, sein lautes Gähnen riss mich aus meinen Gedanken. Und dann, diese Nacht, er hängt kopfüber schlafend an seinem Zipfelfransen. Langsam geht der Knoten auf, ich beobachte das ganz genau. Als der Knoten sich endlich vollständig löst, schreckt er hoch. Wie irr stiert er in meine Augen, diesmal ignoriert er mich nicht. Während seines Falles löse ich mich von seinem Blick und schließe meine Augen. „Bye-bye“, kichere ich in mich hinein.

An diesem alten, ungewaschenen, verschmutzten und besudelten Rock ist jede Bewegung verbunden mit Knistern und Rauschen, mit Reiben und Knicken. Erst wenn der Lärm plötzlich ausbleibt, horche ich auf. Es ist, als ob ich dann aus meiner sinnlosen Geschäftigkeit aufwache. Es ist, als würde ich mich mit meinen Bewegungen selbst ablenken. Herrscht dann Stille, fange ich an zu transpirieren, aus meinen Achseln tropft der Schweiß. Und ich kralle mich am Rock fest, mit beiden Händen, verkrampfe und hoffe auf eine Bewegung, ein Geräusch.

*

Sechster Tag: Nach meinem ersten, zaghaften Streich über ihren Oberschenkel verharre ich völlig unbeweglich. Ich konzentriere mich auf ihre Reaktion, schließe die Augen und halte den Atem an. Mit einer Hand klammere ich mich an den Innenrock. Mit der freien Hand taste ich mich nach dieser kurzen Pause sachte voran. Was für eine Freude ist es, wenn ich spüre, wie sich die Flaumchen auf ihrer Haut aufstellen. Ihre Haut wird hart und fest, wie ein Panzer. Mit der Verhärtung wird die Oberfläche ihrer Haut noch glatter.

Sie lässt es zu. Ich habe ihr Schnurren im Ohr. In dem Moment bin ich mir sicher, dass ich sie nie enttäuscht hätte.

*

Siebter Tag: Ich hänge in meiner Rockfalte. Beim einfachen Festklammern habe ich plötzlich einen Stofffetzen in der Hand. Geistesgegenwärtig greife ich um, verhindere den Absturz. Der Rock wird immer löchriger. Ich schaue auf meine rechte Hand, alle Fingernägel sind eingerissen. Ich greife um und schaue auf meine linke Hand. Alle Fingernägel sind eingerissen.

Jetzt ist wieder Stille. Ich drehe meinen Kopf zur Seite und horche. Ich schließe meine Augen. Ich will diese Stille mitnehmen. Ganz behutsam strecke ich jeden einzelnen meiner Finger, dabei löst sich langsam mein Halt. In diesem Moment strömt mir ein unbekannter, erfrischender Duft in die Nase. Auch wenn ich Angst habe, ich werde loslassen. Jetzt!

 
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