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„Die Libertins“

Sarah Fiona Gahlen

 
 

Cylla stand am Küchenfenster des kleinen Hauses und sah den beiden Beamten der Öffentlichen Wohlfahrt nach, wie sie das Grundstück verließen und über die kurze Auffahrt zur Straße hinuntergingen. Die Zufahrt hatte immer noch zwei Spuren aus Waschbetonplatten, für die vier Räder eines Autos, obwohl seit der Energiekrise 2035 die Autos immer seltener geworden und schließlich ganz verschwunden waren. Es war eben ein altes Haus, weit über hundert Jahre alt.

Cylla legte die Stirn gegen die Fensterscheibe, das Glas war kalt, obwohl es nicht hätte kalt sein dürfen. Es bedeutete, dass die Wärme einfach so durch das Fenster entwich und die zentrale Heizungsanlage der Straße übermäßig belastete. Das alte Haus hätte neue Fenster gebraucht, damit die Energieberechnung stimmte, und neben den neuen Fenstern vermutlich noch eine ganze Menge anderer Dinge, die Cylla sich alle nicht leisten konnte, seit ihr Großvater vor zwei Wochen gestorben war.

„Nicht leisten kann?“, zischte Cylla zornig gegen das kalte Glas der Fensterscheibe; als wäre jemand da, der sie hören konnte. „Nicht leisten darf, wohl eher!“ Sie schlug mit der flachen Hand gegen die Fensterscheibe, wütend, aber vorsichtig, damit sie nicht auch noch kaputtging. Es war einfaches Glas, an dessen Scherben man sich schneiden konnte; so etwas wurde heute überhaupt nicht mehr hergestellt. Die Beamten der Öffentlichen Wohlfahrt hatten nicht versäumt, sie darauf hinzuweisen, dass es im Grunde gefährlich war, in dem Haus zu wohnen.

Sie ging ins Wohnzimmer und schaltete den Computer ein, sie lächelte ein wenig in sich hinein, als sie sich das verdutzte Gesicht des Wohlfahrtsbeamten vor Augen rief, mit dem er den einzigen Computer des Hauses gemustert hatte, der zudem auch noch ausgeschaltet war. Es gab wohl nur noch eine Handvoll Haushalte, in denen nicht mehrere Computer den ganzen Tag über liefen, man brauchte sie ja doch ständig, um zu telefonieren, um Musik zu hören, um fernzusehen, um sich Notizen zu machen oder um zu lesen. Die neueren Modelle ließen sich überhaupt nicht mehr ausschalten.

Cylla tippte gegen den Bildschirm und rief damit Tobion an. Es war eine der wenigen Nummern, die sie gespeichert hatte.

„Cylla?“ Tobion meldete sich sofort, denn der Telefonservice lenkte den Anruf von seinem Computer auf sein Handy um. Sie nannten es immer noch Handy, wie die tragbaren Telefone früher, obwohl die kartengroßen Geräte, die in jede Hosentasche passten, mittlerweile nicht einmal mehr eine Tastatur hatten und nur noch aus dem Bildschirm bestanden. Seit letztem Jahr war es Pflicht, ein Handy zu besitzen, auf den Geräten waren nun auch die Identitätsausweise gespeichert.

„Tobion? Es ist soweit. Sie nehmen mir das Haus weg.“

„Cylla, beruhige dich. Niemand nimmt dir etwas weg. Der Staat achtet das Eigentum.“ Tobions Stimme war besänftigend und freundlich, er war sehr geduldig. Cylla hatte oft den Verdacht, dass eigentlich nur seine Geduld der Grund war, aus dem das staatliche Partnerschaftsprogramm sie nach den Persönlichkeitstests zusammengebracht hatte. Mit Tobion konnte man immer reden. Nur seiner Geduld war es zuzuschreiben, dass Cylla ihn als Partner akzeptiert hatte und sie die Partnerschaftserklärung unterschrieben hatte, anstatt nach zwei Monaten wieder einen Brief auf dem Computer vorzufinden:

Sehr geehrte Frau Londoner, uns liegt keine aktuelle Partnerschaftserklärung von Ihnen vor. Leben Sie in einer partnerschaftlichen Beziehung zu jemandem? Unsere Gesellschaft beruht darauf, dass Menschen sich für das Leben oder für Abschnitte davon zusammentun und gemeinsam ihre Ziele verfolgen. Umfangreiche Studien haben bewiesen, dass allein lebende Menschen weniger glücklich und weniger erfolgreich sind. Nicht nur im Interesse der Gesellschaft, sondern auch zu Ihrem eigenen Besten möchten wir Sie deshalb auffordern, am staatlichen Partnerschaftsprogramm teilzunehmen. Nach einem Persönlichkeitstest wird das Programm Ihnen andere Menschen vorstellen, die ebenfalls zurzeit allein sind. Sollten Sie sich jedoch derzeit in einer Partnerschaft befinden, bitten wir Sie, uns eine entsprechende Erklärung zukommen zu lassen und wünschen Ihnen eine glückliche und erfolgreiche Beziehung.

Es war ein schlechtes Zeichen, dass sie den Text auswendig konnte, aber sie hatte eben überdurchschnittlich oft mitgemacht. Bei Tobion hatte sie sich gedacht, dass es über das staatliche Partnerschaftsprogramm nicht mehr sehr viel besser, aber sehr, sehr viel schlechter kommen konnte. Deshalb hatte sie vor eineinhalb Jahren unterschrieben, und sie wohnten nach all der Zeit noch nicht einmal zusammen. Manchmal hatte sie ein schlechtes Gewissen Tobion gegenüber, aber ihm schien es nicht viel auszumachen. Tobion war geduldig.

Er bewies es auch jetzt wieder, als einen ganzen Moment Schweigen in der Leitung herrschte, bis Tobions ruhige Stimme wieder durch das Wohnzimmer klang. „Cylla? Du musst mir schon erzählen, was passiert ist.“

Cylla nickte, obwohl Tobion es nicht sehen konnte, denn sie ließ die Bildübertragung immer ausgeschaltet, wenn sie telefonierte. Viele Leute irritierte es, ihr Gesicht nicht sehen zu können, wenn sie mit ihr sprachen, aber sie wollte nicht, dass die Menschen im Hintergrund gleich das alte Haus sahen, die Schrankwand mit den Büchern ihres Großvaters und die gemalten Bilder an den Wänden. „Die Beamten der Wohlfahrt waren hier und haben mir erklärt, ich könnte es mir alleine nicht leisten, in dem Haus zu wohnen.“

„Ich glaube, das stimmt auch, Cylla“, sagte Tobion vorsichtig. „Du weißt, sie rechnen das mit einem Computerprogramm aus. Es ist nicht so, dass irgendwo jemand sitzt und entscheidet, dich aus dem Haus deines Großvaters zu werfen. Sie rechnen aus, was deine Grundversorgung kostet und was sie im Idealfall kosten dürfte, und wenn der Unterschied zu groß ist, dann empfehlen sie dir, umzuziehen. Die Unterkunft darf nun einmal nur ein bestimmter Prozentsatz in deiner Grundversorgung sein.“

„Aber ich verdiene gut“, fuhr Cylla auf.

„Dass du noch in diesen Kategorien denkst“, sagte Tobion; es hörte sich freundlich an, freundlich und geduldig und ein wenig erstaunt. „Du brauchst dir keine Gedanken darüber zu machen, was deine Arbeit wert wäre, wenn sie direkt entlohnt würde. So funktioniert das nicht. Selbst wenn du wüsstest, was du verdienen müsstest, wäre das schließlich nicht alles dein Geld. Du lebst in einem Staat, einer Demokratie, in dem System der Wohlfahrt, wir alle müssen das finanzieren. Früher haben die Menschen Steuern bezahlt. Bis vor ein paar Jahren gab es noch frei entlohnte Berufe, und diese Leute haben nur einen ganz kleinen Teil ihres Lohnes wirklich für sich bekommen. Am Ende mussten sie Beihilfen beantragen. Da ist es doch besser, man muss sich erst gar keine Gedanken machen um den Wert seiner Arbeit. Du arbeitest, du meldest deine Lebenssituation, und sie geben dir alles, was du brauchst. Du finanzierst das System, und es ernährt dich.“

„Gut, drücken wir es anders aus“, sagte Cylla. „Ich habe einen verantwortungsvollen und wichtigen Beruf, ich müsste gut verdienen. Und wenn ich direkt entlohnt würde, würde ich das Geld anders verwenden. Ich behalte manchmal mehr als ein Drittel von den wöchentlichen Lebensmittellieferungen übrig, und ich brauche nicht die Hälfte der Fahrten für die Verkehrsmittel, die sie mir zuteilen.“

„Aber du könntest sie gebrauchen“, sagte Tobion. „Du solltest sie sogar gebrauchen. Diese Zuteilungen sind das, was ein Mensch in deiner Situation braucht, um zufrieden zu sein.“

„Wie wollen sie wissen, wann ich zufrieden bin?“ Cyllas Stimme hatte einen leicht resignierten Unterton, sie hatten diese Diskussion schon sehr oft geführt. Tobion verlor nie die Geduld dabei, es ihr immer wieder zu erklären, und regelmäßig war sie es, die am Ende keine Antwort mehr wusste. Es wäre im Grunde klüger gewesen, die Diskussion nicht mehr zu führen, weniger ermüdend, so, wie es klüger und weniger ermüdend wäre, aus dem Haus auszuziehen und eine der Wohnungen zu akzeptieren, die die Öffentliche Wohlfahrt ihr vorschlug. So, wie es klug gewesen war, die Partnerschaftserklärung mit Tobions Namen darin zu unterschreiben und ein für alle Male Ruhe zu haben vor den elektronischen Briefen der Öffentlichen Wohlfahrt.

„Es geht nicht um dich, Cylla. Es geht um die Mehrheit der Menschen. Wir leben in einer Demokratie, wir richten uns nach der Mehrheit. Wir können nicht die Wünsche von jedem erfüllen, aber wir können jedem das geben, was die Mehrheit der Menschen braucht, um zufrieden zu sein. Und das sind die Lebensmittelzuteilungen und die Fahrkarten, die du bekommst. Wenn du sie nicht nutzt, ist es unvernünftig. Und es ist unvernünftig, in dem Haus wohnen zu wollen, wo du alleine bist und so viel Platz einfach nicht brauchst. Wir haben nicht so viel Platz für alle, weißt du. Die Bevölkerung wächst, nicht stark, aber ein bisschen, genau so viel, wie sie wachsen muss, damit der Wirtschaftskreislauf funktioniert. Wenn jeder von uns ein Haus haben wollte, würde das ganze Land voller Häuser stehen, eines neben dem anderen.“

„Ich weiß“, sagte Cylla. „Aber es will überhaupt nicht jeder ein Haus haben, und schon gar nicht so ein altes. Die meisten Menschen, die ich kenne, fragen mich, wie ich es aushalte, in diesem unmodernen Haus zu leben. Wenn niemand es will, warum muss ich dann ausziehen?“

Tobion lachte. Er hatte ein schönes Lachen, genau so geduldig und ruhig wie seine Stimme. „Du bist eben anders, Cylla. Leute, die anders sind, haben es immer schwer in einer Demokratie.“

„Aber es dürfte nicht sein“, beschwerte sich Cylla. „Nur, weil die Mehrheit der Leute eine wöchentliche, ausgewogene Lebensmittellieferung möchte statt eines alten Hauses, bekomme ich auch eine Lebensmittellieferung, obwohl ich ein Haus möchte. Es ist nicht gerecht. Es wäre gerechter, die Wahl zu haben.“

„Aber wenn Menschen in solchen Dingen die Wahl haben, werden sie eine unvernünftige Wahl treffen“, sagte Tobion, „und es wird der Gesellschaft schaden. Das ist eine Libertin-Idee, die Wahl haben zu wollen. Wenn die Arbeit der Menschen direkt entlohnt werden würde, würden sie das Geld für alles mögliche ausgeben, aber nicht für das, was sie wirklich brauchen. Die Gesellschaft, in der wir leben, bietet dir alles, um glücklich zu sein. Du bekommst eine ausgewogene Lebensmittellieferung, genau das, was du brauchst. Sie bieten dir Wohnungen an, genau so groß, wie du sie brauchst. Und du hast ja immer noch die Wahl, du kannst die Dinge essen oder sie nicht essen, und du kannst alle Zimmer deiner Wohnung nutzen, oder du kannst es nicht tun. Natürlich ist es ein Anreiz, wenn die Lebensmittel da sind, wirst du sie auch verwenden, aber es ist eben nur ein Anreiz, das richtige zu tun. Sie schicken dir die Lebensmittel, sie zwingen dich nicht, sie zu essen.“

„Nein“, sagte Cylla. „Noch nicht. Als wenn ich nicht selbst entscheiden könnte, was mich glücklich macht.“

„Die Menschen haben Jahrhunderte lang entscheiden wollen, was sie glücklich macht. Sie waren nie sehr erfolgreich.“

„Aber ich weiß, dass ich das Haus unterhalten könnte, wenn ich dürfte“, sagte Cylla verzweifelt.

„Vielleicht“, sagte Tobion. „Aber die Mehrheit der Menschen könnte es nicht, und deshalb lassen sie es dich nicht versuchen. Das ist Demokratie, Cylla. Und es ist ja nicht so, dass sie dir das Haus wegnehmen. Sie kaufen es dir ab, du bekommst das Geld und kannst eine Wohnung kaufen, sie beraten dich, damit du eine kluge Wahl triffst. Und es tut mir leid, Cylla, aber ich glaube fast nicht, dass es jemanden gibt, der in das Haus ziehen will und das Geld ausgeben kann und will, um es zu unterhalten. Das Haus deines Großvaters ist nicht zeitgemäß, Cylla.“

„Aber“, sagte sie, „wenn es sowieso niemand möchte und sie es abreißen werden, warum darf ich es nicht wenigstens versuchen? Da sind die Bücher, ein ganzes Zimmer voller Bücher, ich werde nie alle diese Bücher in einer Wohnung unterbringen können.“

„Cylla“, sagte Tobion. „Es sind Bücher – Daten. Du bekommst sie auf einem Datenträger und kannst sie alle auf deinen Schreibtisch stellen. Sie werden so klein sein, dass du aufpassen musst, sie nicht versehentlich vom Tisch zu fegen.“

„Ja“, murmelte Cylla giftig. „Bis der Datenträger einen Übertragungsfehler macht.“

Noch vor sechs Wochen hätte Tobion über dieses Argument gelacht, aber vor knapp einem Monat war wegen eines Übertragungsfehlers im Internationalen Datennetz ein großer Teil des Netzes mit den dazugehörigen Daten verloren gegangen. Das Ausmaß des Verlustes hatte noch nicht ganz festgestellt werden können, aber es stand fest, dass es sich hauptsächlich um kulturrelevante Daten gehandelt hatte, Werke der Literatur und Bildenden Kunst. Man konnte noch nicht sagen, ob einige der Dateien wiederhergestellt werden konnten, oder ob die Werke vielleicht noch auf Papier oder in einer anderen Realform existierten. Cylla verfolgte die Nachrichten sehr aufmerksam, aber bisher war noch nicht darüber berichtet worden, um welche Werke genau es sich handelte. Bücher aus Papier gab es noch in einigen traditionsbewussten Haushalten, aber bei den Werken der Bildenden Kunst, die seltener in Privatbesitz waren, sah es anders aus. Die wenigen Museen, die noch existierten, gaben immer weniger Mittel für den Erhalt der Kunstwerke aus, und verlegten sich lieber darauf, die Daten möglichst leicht zugänglich und nachvollziehbar zu gestalten. Niemand ging mehr ins Museum, wenn er die Kunstwerke zu Hause am Computer erleben konnte, schon seit einiger Zeit sogar in dreidimensionalen Projektionen.

Tobion verzichtete darauf, etwas auf Cyllas Bemerkung zu entgegnen. Es freute sie, es gab ihr das Gefühl, ein Argument vorgebracht zu haben, auf das Tobion endlich einmal keine Antwort hatte.

„Du musst ja nicht sofort umziehen“, sagte Tobion schließlich, ruhig, wie einlenkend. „Du kannst es dir überlegen, du kannst dir die Wohnungen ansehen, die sie dir anbieten und dich in aller Ruhe entscheiden. Vielleicht können wir sogar zusammen in eine Wohnung ziehen, das wäre schön, und es wäre viel vorteilhafter für uns beide.“

„Ja“, sagte Cylla. „Vielleicht sollten wir zusammen eine Wohnung suchen. Es wäre viel wirtschaftlicher.“ Im nächsten Moment hoffte sie, dass Tobion ihre Ironie nicht gehört hatte. Sie wollte ihn nicht verletzen. Sie hatte ihn gerne, nicht gerne genug, um mit ihm in einer Wohnung leben zu wollen, aber sie hatte ihn gerne.

„Denke einfach darüber nach“, sagte Tobion schließlich. „Am Ende wird dir nichts anderes übrigbleiben, als das Haus aufzugeben, und auch, wenn es dir nicht gefällt, ist es nur vernünftig.“ Es klang nachsichtig, er hatte Cyllas gereizte Ironie verstanden, aber er nahm es ihr nicht übel, sie merkte es trotz der ausgeschalteten Bildübertragung. Sie konnte es fast besser aus seinem Tonfall herauslesen als aus dem geübten Lächeln, mit dem die meisten Menschen den Computerbildschirm zu bedenken pflegten.

Cylla seufzte. „Es wird mir nichts anderes übrigbleiben“, wiederholte sie, aber so sehr sie sich auch anstrengte, es gelang ihr nicht, Tobions gelassenen Tonfall nachzuahmen. Ihre Stimme hörte sich hell und rebellisch an, wie so oft; nun konnte sie auch weitersprechen. „Tobion? Ich wollte dich das schon immer einmal fragen, aber ich habe es nie getan. Glaubst du, dass es Libertins gibt?“

„Libertins…“ Nun war es an Tobion zu seufzen. „Ich weiß nicht, Cylla. Ich weiß es wirklich nicht. Menschen, die außerhalb des Systems leben, der Öffentlichen Wohlfahrt nicht gemeldet sind, ihre Identitätsausweise zerstören, irgendwo wohnen, wo sie keine Lebensmittelzuteilungen bekommen, zu Fuß gehen, weil sie keine Fahrten für die Verkehrsmittel haben… Ich weiß nicht, Cylla. Für mich hört sich das an wie eine Legende. Warum sollte jemand so etwas tun wollen?“

„Bei uns in der Entwicklungsabteilung gab es aber jemanden“, beharrte Cylla. „Er war der Öffentlichen Wohlfahrt nicht gemeldet, und trotzdem kam er jeden Tag und hat gearbeitet, für nichts, im Grunde, denn er war ja nicht gemeldet, hat keine Lebensmittelzuteilungen bekommen und hatte keine feste Wohnung. Er hat bei Freunden gelebt, mal hier, mal dort, und eine ganze Weile in einem leerstehenden Haus, das von der Energieversorgung getrennt war. Als es herauskam und sie ihn fragten, warum er sich nicht gemeldet hatte, hat er gesagt, er arbeite gerne in der Entwicklungsabteilung, es mache ihm Spaß, aber er wollte das Gefühl haben, immer gehen zu können, ohne sich erst abmelden zu müssen, leben zu können, wo und wie er möchte.“

„War das ein richtiger Libertin?“, fragte Tobion mit einem nachsichtigen Lachen. „Von Libertins heißt es doch, sie schlafen auf der Straße und sitzen den ganzen Tag nur herum und philosophieren, wenn sie nicht gerade nach Essen suchen. Gehen Libertins regelmäßig zur Arbeit?“

„Warum nicht, wenn es ihnen Spaß macht?“, fragte Cylla, einen Unterton von Herausforderung in der Stimme. „Ich würde sagen, das ist es, was die Libertins ausmacht. Sie tun, was sie möchten, was ihnen für sich selbst als das beste erscheint, auch, wenn die Mehrheit der Menschen es nicht unbedingt für vernünftig halten würde.“

„Verrückt“, sagte Tobion. „Dein Kollege aus der Entwicklungsabteilung war einfach verrückt. Es kann sein, dass es ein paar Leute gibt, die so denken. Es macht ihnen vielleicht Angst, dass für alles gesorgt ist, sie glauben, sie würden kontrolliert und wollen es sich lieber schwer machen, um alles selbst entscheiden zu können. Aber man kann auf diese Weise natürlich nicht glücklich werden. Vielleicht gibt es ein paar Leute, die so sind. Aber eine weltumspannende Gesellschaft von Libertins, Tausende oder sogar Millionen, die überall unter uns leben und sich nur denen zu erkennen geben, die selbst das System verlassen haben – das ist eine Legende, und eine dumme dazu. Es kann gar nicht funktionieren, es ist nur eine Schauergeschichte.“

„Eine Schauergeschichte?“, fragte Cylla. „Macht dir das Angst?“

„Ja“, sagte Tobion. „Natürlich. Es würde bedeuten, dass das System der Wohlfahrt nicht so gut funktioniert, wie es soll, dass es einen mehr oder weniger großen Teil der Menschen gibt, die darin nicht glücklich sind, obwohl für alles gesorgt ist. Und deshalb ist es auch nur eine Gruselgeschichte. Wenn es Libertins gibt, kann es nur eine winzig kleine Gruppe sein, und sie leiden, sie bekommen nicht das, was sie brauchen, es geht ihnen schlecht.“

„Das weißt du doch gar nicht“, sagte Cylla. „Immerhin haben sie sich dafür entschieden. Vielleicht sind sie einfach anders. Vielleicht leiden sie weniger, wenn sie nicht im System sind und dafür frei.“

„Frei“, sagte Tobion. Es klang nachdenklich. „Ich finde, das ist ziemlich wenig, wenn man hungert und friert.“ Er lachte ein bisschen. „Willst du ein Libertin werden, Cylla? Ich würde dir abraten. Ich finde es nicht besonders klug, das System zu verlassen und gar kein Zuhause mehr zu haben, nur weil du das Haus nicht behalten kannst.“ Es sollte scherzhaft klingen, aber es gelang ihm nicht besonders gut, den richtigen Ton zu treffen. „Du solltest nichts Unüberlegtes tun, Cylla.“ Seine Stimme hörte sich plötzlich sehr unbehaglich an. „Ich will dich nicht verlieren.“

Cylla hatte die ganze Zeit über vor dem Computerbildschirm gestanden, mit beiden Händen auf die Schreibtischplatte gestützt und zu sehr erregt, um sich zu setzen, aber nun zog sie mechanisch den Stuhl heran und ließ sich darauf nieder. Es berührte sie merkwürdig, dass Tobion sie derart ernsthaft warnte; sie hatte nie wirklich in Erwägung gezogen, aus dem Haus zu gehen, ihr Handy mit ihrem Identitätsausweis wegzuwerfen und einfach nicht wiederzukommen.

„Cylla? Du hast schon wieder nicht die Bildübertragung eingeschaltet. Bist du noch da?“

„Ja“, sagte Cylla mechanisch. „Ja. Ich habe mir nur einen Stuhl geholt.“

„Ach so“, sagte Tobion. Es klang erleichtert. „Ich – ich meine das ernst, Cylla. Ich würde dich nicht verlieren wollen.“

„Du würdest nicht wollen“, wiederholte Cylla kühl. „Du kannst mich aber jederzeit verlieren, auch, wenn ich nicht weggehe. Das ist nur eine elektronische Partnerschaftserklärung zwischen uns, ich könnte die nächste ganz einfach nicht unterschreiben.“

„Doch“, sagte Tobion freundlich. „Du wirst es tun, denn wenn du es nicht tust, dann wirst du wieder aufgefordert, am Persönlichkeitstest teilzunehmen und einen neuen Partner zu finden, und das ist dir lästig, also unterschreibst du die Erklärung, damit du deine Ruhe hast. Und das ist nicht nur das Bequemste, sondern auch das Klügste, was du tun kannst. So ist das System, sie bieten dir einen Anreiz, das Richtige zu tun. Es ist nur eine elektronische Partnerschaftserklärung, aber im Grunde ist sie viel wirksamer als ein altmodischer Trauschein und eine antiquierte Heirat in der Kirche. Es wäre dumm, etwas anderes zu tun, und du bist nicht dumm, Cylla, und deshalb weiß ich, dass du auch die nächste Partnerschaftserklärung unterschreibst, auch, wenn wir gerade schon wieder so ein seltsames Gespräch führen.“

Cylla betrachtete den Bildschirm des Computers und versuchte, eine Erwiderung auf Tobions Argumente zu finden. Es gelang ihr nicht.

„Ich weiß, dass du das Haus nicht aufgeben willst“, sagte Tobions Stimme aus den Lautsprechern. „Du willst nicht umziehen, das ist normal, niemand zieht gerne um. Aber du wirst alle Bücher mitnehmen können, auf einem kleinen Datenwürfel, und für die Bilder gibt es auch in deiner neuen Wohnung einen Platz. Das wird etwas Besonderes sein, gemalte Bilder an den Wänden, mit richtigen Motiven, wie ein Foto. Das haben nicht mehr viele Leute.“

„Ja“, sagte Cylla. Sie versuchte, die Bitterkeit aus ihrer Stimme herauszuhalten, sie war Tobion dankbar, dass er das Thema gewechselt hatte, aber ganz gelang es ihr nicht. „Heute haben die Leute richtige Fotos. Oder sogar dreidimensionale Projektionen, die sie selbst gemacht haben, mit einer dieser neuen Kameras, die das Motiv optimieren können, den zentralen Punkt festlegen, die Farben und den Lichteinfall ändern und die Schatten verschwinden lassen. Maschinen sagen uns, was schön ist.“

„Cylla“, sagte Tobion ein wenig vorwurfsvoll. „Diese Maschinen sind von Menschen programmiert, und zwar auf das, was die Mehrzahl der Menschen schön findet. So ist das eben mit Kunst. Sie ist das, was den meisten Menschen gefällt.“

„Ich habe gelesen, dass Kunst früher einmal definiert wurde als etwas Besonderes, als etwas, das die Mehrzahl der Menschen eben nicht hätte leisten können. Deshalb hat man die Künstler bewundert, weil sie mehr konnten als andere Menschen, weil sie anders waren.“

„Ach, Quatsch“, sagte Tobion. „Das ist doch eine antiquierte Ansicht.“ Es hörte sich ein wenig unsicher an, er machte eine kurze Pause, und als er weitersprach, war seine Stimme sehr behutsam. „Cylla, du bist anders als die meisten Menschen, und ich habe dich sehr gerne, so, wie du bist. Aber du wirst nie richtig glücklich werden, wenn du auf diesen Ansichten beharrst. Du solltest darüber nachdenken, was die Gesellschaft dir alles bietet. Du könntest sehr glücklich sein. Vielleicht… vielleicht gibt es keine Kunst mehr nach diesem alten Kunstbegriff, aber es ist nur Kunst, Cylla. Man kann ohne Kunst leben, aber man kann nicht ohne regelmäßiges Essen und ohne ein Dach über dem Kopf leben. Wenn du darüber nachdenkst, Cylla, wirst du mir nicht einmal sagen können, was dir eigentlich fehlt in deinem Leben.“

„Die Wahl“, sagte Cylla spontan, aber nicht ohne eine gewisse Verzweiflung in der Stimme. „Ich will die Wahl haben. Ich will Entscheidungen treffen können, die wirklich Konsequenzen haben.“

„Dir ist gar nicht klar, welche Verantwortung das bedeuten würde“, sagte Tobion. „Die Gesellschaft trifft alle Entscheidungen für dich, und sie trifft sie richtig, so, dass du mit den Konsequenzen leben kannst und die Gesellschaft auch. Das System funktioniert erst, seitdem die Menschen nicht mehr die Wahl haben. Nicht in wichtigen Dingen.“

„Hast du nie davon geträumt, selbst zu entscheiden?“ fragte Cylla. „Dein Leben zu gestalten?“

Tobion lachte ein wenig. „Libertin zu sein? Nein, ich denke nicht“, sagte er. „Dass wir darüber reden, ist Libertinage genug.“

Cylla hatte das Gefühl, Tobion würde erwarten, dass sie in sein Lachen einstimmte, und so lachte sie auch ein wenig. Sie fand, dass es heiser klang, aber die Lautsprecher eines Handys verzerrten immer noch ein wenig den Ton, vielleicht würde Tobion es nicht merken.

Er merkte es nicht. „Du kannst schon wieder lachen“, stellte er fest. „Cylla… Nimm’ dir die Sache mit dem Haus nicht so sehr zu Herzen. Du hast Zeit, dich an den Gedanken zu gewöhnen. Es ist die richtige Entscheidung, es aufzugeben, alles andere wäre dumm.“

„Ja“, sagte Cylla, plötzlich froh, dass Tobion das Gespräch offenbar beenden wollte. „Ich denke darüber nach. Bis bald, Tobion.“

„Bis bald.“

Tobions Stimme verklang und ließ Cylla allein in dem Wohnzimmer voller Bilder und Bücher. Draußen vor den Fenstern dämmerte es, der Computer hatte seinen Bildschirm schon automatisch heller werden lassen, in der für die Lichtverhältnisse optimalen Beleuchtungsstärke, aber die Lampen in dem alten Haus waren alle noch konventionelle Lichtquellen, die man mit der Hand betätigen musste, und so saß Cylla im Halbdunkel, als sie auf den Bildschirm tippte, um den Computer auszuschalten.

Sie erhob sich und ging langsam in die Küche, sie brauchte kein Licht, sie kannte das Haus gut genug. Aus dem Küchenfenster konnte sie die Auffahrt sehen und jenseits des altmodischen Gartentores die Straße. Die Laternen waren schon angesprungen, auf der niedrigsten Beleuchtungsstufe, kaum ein Glühen gegen den blaugrauen Dämmerhimmel.

„Natürlich hat Tobion recht, wenn er sagt, dass es dumm ist“, sagte Cylla laut. Sie sprach zu niemandem im Besonderen, aber natürlich stellte sie sich vor, dass das kleine, alte Haus ihr zuhören würde. „Aber auch wenn es dumm ist, glaube ich, dass es richtig ist. Tobion würde sagen, ich tue es aus Trotz, dass ich mir schon immer bewusst mein Leben erschwert habe und mich mit voller Absicht unglücklich mache. Er meint, als Libertin würden man leiden.“

Sie öffnete den Wasserhahn des Spülbeckens und ließ Wasser einlaufen. Wasser war immer noch der schlimmste Feind aller technischen Geräte, je ausgereifter sie wurden, desto schwieriger, aufwendiger und teurer wurde es, wirklich wasserdichte Exemplare herzustellen. Mittlerweile war es der Gesellschaft günstiger erschienen, den Regen von den Menschen und den technischen Geräten fernzuhalten als die Geräte robuster zu gestalten. In der Innenstadt waren alle wichtigen Straßen bereits überdacht, und in den Außenbezirken wurde an der Optimierung der Verkehrsmittel gearbeitet, um bei Regen jeden Bewohner trockenen Fußes zu seinem Haus bringen zu können.

Cylla zog ihr Handy hervor und ließ es in das Wasser gleiten, ihr Handy, mit ihrem Identitätsausweis, ihrer Meldung an die Öffentliche Wohlfahrt, ihrer aktuellen Partnerschaftserklärung, den Fahrten für die Öffentlichen Verkehrsmittel für diesen Monat und der elektronischen Post von heute, die sie noch nicht angesehen hatte.

Das flache Gerät schwamm, sie drückte es mit einem Finger unter Wasser, bis kleine Luftblasen aufstiegen und das Bereitschaftsbild auf dem Display schlagartig dunkel wurde. Stattdessen erschien plötzlich ein Muster aus Luftblasen auf dem Bildschirm, die sich hinter dem durchsichtigen Plastik bewegten.

Cylla lachte in sich hinein und ging in den Flur, um ihre Jacke zu holen. Sie wusste noch nicht genau, wohin sie gehen würde, aber es konnte nicht schaden, eine Jacke dabeizuhaben, auch wenn sie sie in den überdachten Straßen der Innenstadt vielleicht erst einmal nicht gebrauchen konnte. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie Lust, durch die Innenstadt zu gehen, ohne einen Identitätsausweis, ohne einen Gutschein für irgend etwas, das sie nach Ansicht der Gesellschaft brauchte, und ohne einen Fahrschein für die Rückfahrt. Sie brauchte eigentlich auch keinen Fahrschein, der südlichste Teil der Innenstadt begann in zwei oder drei Kilometern Entfernung von dem alten Haus, aber nach Ansicht der Gesellschaft war das zu weit, um zu laufen und sie bekam einen Fahrschein dafür.

Sie war noch nie gelaufen. Heute würde sie es tun.

Sie nahm den Hausschlüssel vom Haken, die Haustür hatte noch ein einfaches Schloss mit einem Sicherheitsriegel. Wenn sie abschloss, ging und sich nicht mehr bei der Öffentlichen Wohlfahrt meldete, würde das Haus von der Energieversorgung und der Wasserversorgung getrennt werden, nur den Regenwasserbrunnen in der Auffahrt würde es noch geben. Wahrscheinlich war es nicht einmal nötig, abzuschließen, denn Tobion hatte schon recht, niemand würde sich für das altmodische Haus interessieren, und auch nicht für die Einrichtung, für die schlichten Möbel und die Bücher und Bilder. Vielleicht war es nicht einmal wirtschaftlich, das Haus abzureißen und ein moderneres auf das Grundstück zu bauen; in der Innenstadt waren in den Hochhäusern so viele neue Wohnungen entstanden, und es waren nicht viele Leute bereit, einen längeren Weg aus den Außenbezirken in Kauf zu nehmen, wenn sie in der Stadt arbeiteten. Vielleicht würde das Haus einfach weiter leerstehen, so, wie das Haus, in dem ihr Kollege aus der Entwicklungsabteilung Zuflucht gesucht hatte.

Cylla sah sich noch einmal um, bevor sie die Haustür öffnete, blickte durch den Flur in das dunkle Wohnzimmer und lächelte.

„Vielleicht komme ich wieder“, sagte sie, „alleine, oder vielleicht auch mit anderen. Für eine Nacht, oder für ein paar Tage.“ Fast behutsam öffnete sie die Haustür und trat über die Schwelle. „Oder vielleicht auch nur, um ein Buch zu holen.“

 
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