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„Fatous Welt“

Cornelia Diallo

 
 

Fatou war sechzehn, als sie zu ihrer Cousine Oumou sagte, das hier – dabei schwenkte sie ihren Arm in Richtung der Menschen, die sich im Innenhof zum Abendessen versammelt hatten – will ich später auf gar keinen Fall. Es war ihre Familie, die sich dort, auf Strohmatten hockend, kreisförmig um die großen, reichlich gefüllten Teller gruppiert hatte. Das Essen duftete verführerisch nach Erdnusssauce, allerlei herrlichen Gewürzen und besonders nach gebratenem Fleisch, was selten genug vorkam. Eine fröhliche, unbeschwerte Atmosphäre ging von dieser Gesellschaft aus, die sicherlich jeden fremden Betrachter begeistert hätte. Ein Stück traditionelles Afrika bot sich hier, bestehend aus einer Familie mit weit über zwanzig Mitgliedern, darunter die zwei Ehefrauen des Hausherren, mit ihren insgesamt siebzehn Kindern, von denen bereits einige verheiratet waren, und sechs Enkelkindern. Ein Jahr vor und sogar noch sieben Monate nach dem Tod des boromkeurs gebar seine zweite, jüngere Frau die letzten beiden Kinder, was dazu führte, dass es nun Enkel gab, die älter waren als ihre Tanten. Für die meisten Familienmitglieder stellte dies kein sonderliches Problem dar, so etwas kam einfach vor. Nur bei Fatou rumorte es gewaltig, da sie viele traditionelle Riten insgeheim in Frage stellte, darunter ganz besonders die Polygamie. Wie soll das hier bloß weitergehen, dachte sie oft. Zwar gab es auch männliche Familienmitglieder, die dazu in der Lage waren, zum Unterhalt beizutragen, doch sobald diese ihre Ausbildung beendet und eine Arbeit gefunden hatten, gründeten sie eine eigene Familie, was zur Folge hatte, dass die Einkünfte der Gemeinschaft abnahmen und die Anzahl der zu versorgenden Menschen mit jeder Geburt weiter anstieg.

Fatou stellte sich ihre eigene Zukunft anders vor. Sie wollte nach dem Abitur studieren, einen Beruf ergreifen und nicht etwa ihre Existenz durch Heirat sichern, so wie es bisher alle weiblichen Vorfahren ihrer Familie und sogar ihre beiden älteren Schwestern getan hatten. Mit ihrer Ansicht stand sie allerdings ziemlich alleine da, denn selbst ihre jüngeren Schwestern Anta und Khady träumten bereits von Ehemännern. Verstanden fühlte sie sich nur von ihrer Cousine und zugleich besten Freundin Oumou, die, als Tochter ihres Onkels mütterlicherseits, zurzeit in Paris studierte und nur in den Ferien nach Hause kam. Oumou hatte wirklich Glück. Ihre Familie war wohlhabend und bewohnte ein großes Haus in einem der besten Stadtteile von Dakar. Aber das, worum Fatou sie am meisten beneidete, war nicht das schöne Haus, sondern die Tatsache, dass es neben ihrem Vater nur eine einzige Mutter und lediglich zwei Geschwister gab. Der Grund dafür konnte eigentlich nur der sein, dass ihr Vater einst in Europa studiert hatte. Dort gelangt man anscheinend zu anderen Ansichten, glaubte Fatou, wie wäre es sonst möglich, dass ihr Onkel sich für die Kleinfamilie entscheidet, während seine Schwester an den alten Traditionen festhält.

Wenn Oumou nach Hause kam, verbrachten die beiden so viel Zeit wie möglich miteinander. Manchmal trafen sie sich in Kaolack, wo sie stundenlang auf Fatous schmalem Bett hockten, stets umgeben von jüngeren Geschwistern, die sich ebenfalls über den Besuch freuten. Lieber verabredeten sie sich allerdings in Dakar, weil sie sich dort völlig ungestört in Omous eigenes Zimmer zurückziehen konnten. Dann plapperten sie um die Wette, tauschten Familienklatsch gegen Studentenerlebnisse aus, blätterten in mitgebrachten Modezeitschriften und träumten sich an andere Orte. Mal lachten sie sich halbtot über die seltsamen Essgewohnheiten der Franzosen, mal über ihre eigenen Verwandten, Anlässe gab es stets genug. Nur wenn sie ihre gemeinsame Zukunft planten wurde die Unterhaltung stiller und ernsthafter. Kaolack kam darin niemals vor. Paris sollte es schon sein oder ein vergleichbarer Ort, Hauptsache, er lag in Europa. Da Fatous ältester Bruder in Deutschland lebte, kamen auch München oder Berlin in die engere Wahl. Fatou wünschte sich nichts sehnlicher als aus der traditionellen Gemeinschaft auszubrechen, die ihre Familie zusammenhielt. Zwar liebte sie jeden einzelnen von ihnen, doch zusammen waren es einfach zu viele. Es gab weder geheime Augenblicke oder private Telefonate noch persönliche Gegenstände. Alles gehörte allen, sogar die Zeit.

Seit dem Tod ihres Vaters kamen finanzielle Sorgen hinzu. Zwei Witwen samt ihrer jeweiligen Kinderschar mussten sich nun eine Rente teilen, wobei nicht im Teilen das Problem lag, sondern in der Geringfügigkeit des Betrags. Es war schlicht zu wenig. Zwar hatte der boromkeur gut vorgesorgt, beide Häuser, die sie bewohnten, gehörten ihnen auch, dennoch reichte die Rente nicht für den Lebensunterhalt aller Personen. Strom und Wasser waren in den letzten Jahren sehr teuer geworden, hinzu kam Telefon, Kleidung, Nahrung, Schulgeld und die hohen Extraausgaben für Feste. Ndeye, Fatous Mutter, bestand darauf, dass Feste wie tabaski oder korite der Tradition entsprechend gefeiert wurden. Zu tabaski musste ein Schaf her und viele neue Festtagsgewänder angeschafft werden, insbesondere für die Töchter im heiratsfähigen Alter. Das war schon immer so und sollte auch in Zukunft so bleiben. Als es in diesem Jahr kein Schaf gab, weil zuvor das Dach repariert werden musste und der älteste, in Deutschland lebende Sohn Karim es nicht schaffte, genug Geld zu schicken, oder es seine Frau vielleicht auch nicht wollte, fiel Ndeye in eine tiefe Depression. Zuerst jammerte und klagte sie tagelang über die große Schande, die über ihre Familie hereingebrochen war, danach sprach sie fünf Wochen lang kein Wort. So war für alle sichtbar, wie sehr sie litt, und sie hoffte inständig, dass es ihr Sohn in Deutschland erfuhr, damit es ihm eine Lehre sei.

Eines Tages saß Ndeye auf ihrem Lieblingsplatz im Hof und dachte im Schatten des großen Baumes über ihre Situation nach. Sie mutmaßte, dass ihre deutsche Schwiegertochter hinter allem steckte, die ja eigentlich ganz nett war, aber wer sonst wäre wohl in der Lage, ihren Sohn von seiner Pflicht abzuhalten. Schließlich haben wir ihn zum Studieren nach Europa geschickt, damit er für uns sorgt, erinnerte sie sich. Er ist der älteste Sohn und muss nun an die Stelle seines Vaters treten, aber das versteht eine europäische Frau sowieso nicht. Kinder hat sie ihm auch noch nicht geschenkt, das sagt ja schon alles. Er hat einfach Pech gehabt, aber dagegen kann man ja etwas unternehmen, schloss sie und döste mit diesem Gedanken einigermaßen beruhigt ein.

Als Ndeye an jenem Abend verkündete, dass sie am folgenden Tag einen Marabou aufsuchen müsse, um die Geschicke ihres ältesten Sohnes endlich in die richtigen Bahnen zu lenken, ahnte Fatou bereits, welche Pläne ihre Mutter insgeheim verfolgte. Sie warf ihr vor, dass sie ziemlich ungerecht sei.

Dein Sohn Karim und deine Schwiegertochter Doris haben nicht nur dafür gesorgt, dass unser Dach endlich repariert wurde und dass wir ein Badezimmer bekommen haben, sondern sie haben dir auch die Augenoperation in Deutschland ermöglicht. Hast du das etwa schon vergessen?

Mein liebes Kind, du bist wohl auch schon angesteckt von diesen Europäern. Du hockst zuviel mit deiner Cousine Oumou zusammen. Sie setzt dir bloß Flausen in den Kopf. Besser wäre es, du würdest mal langsam ans Heiraten denken. Außerdem führt diese ganze Studiererei sowieso zu nichts. Schau dich doch um! Gueyes Sohn lebt erst seit einem Jahr in Italien und hat schon ein großes Haus in Dakar gebaut.

Das hat seine Frau finanziert…

Und Diops ältester Sohn ist auch nicht viel länger weg. Der ist nicht verheiratet und hat seinem Vater bereits einen dicken Mercedes vor die Tür gestellt und schau dir an, wie gut der immer angezogen ist.

Der arbeitet Tag und Nacht dafür und teilt sich mit fünf anderen Männern zwei Zimmer. Und das wird er bestimmt nicht lange aushalten. Außerdem würdest du einen unverheirateten Sohn auch nicht akzeptieren .

Ach, der wird sicher bald heiraten. Ich habe heute mit seiner Mutter gesprochen. Sie hat bereits alles arrangiert .

Fatou war sprachlos. Sie wusste, was das zu bedeuten hatte, denn für eine Heirat im Senegal mussten nicht unbedingt beide Ehepartner anwesend sein. Es reichte völlig aus, wenn die abwesende Person ihren Willen bekundete. Oftmals bekamen Männer, die im Ausland lebten und dort eine Familie hatten, auf diesem Weg noch eine „richtige“ senegalesische Ehefrau dazu, arrangiert von ihren Müttern oder anderen Familienmitgliedern. Diese moderne Variante der traditionellen Polygamie und wurde von allen akzeptiert, außer von den meisten europäischen oder amerikanischen Ehefrauen. Doch die mussten es nicht unbedingt erfahren, sie würden es sowieso nicht verstehen.

Fatou erahnte die schwierige Situation, in der ihr ältester Bruder steckte, den hier alle nur Allemand nannten. Dennoch wünschte sie sich auch nach Europa, weil sie glaubte, dass dies der richtige Weg für sie sei. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott, sagte sie sich. Ich werde schon klarkommen. Außerdem habe ich keine andere Wahl, denn alles ist besser, als hier zu sitzen und darauf zu warten, verheiratet zu werden.

Nicht zuletzt waren es auch materielle Wünsche, die das Verlangen nach einem Studienplatz in Europa nährten. In ihrer Fantasie sah sie sich mit einer chicen Sonnenbrille auf der Nase und einem Autoschlüssel in der Hand in einen dieser wunderbaren Supermärkte springen, ganz im Stil der Europäer, die es ja angeblich immer so eilig haben.

Ndeye machte ihre Ankündigung war und suchte am nächsten Tag einen Marabou auf. Sie erzählte ihm von ihrem schweren Los.

Mein ältester Sohn lebt seit Jahren in Deutschland. Wir haben ihm die Reise und das Studium ermöglicht, wir haben akzeptiert, dass er eine deutsche Frau heiratet, und was macht er? Er fängt an, uns zu vergessen. Zu tabaski hatten wir zum ersten Mal kein Schaf. Er hat es einfach nicht für notwendig gehalten. Vielleicht vergisst er bereits seine Wurzeln. Was soll ich bloß machen?

Malick, ein angesehener Marabou in Kaolack, verstand ihre Sorgen nur zu gut. Vielen Müttern ging es ähnlich und sie kamen früher oder später alle zu ihm. Die Kinder waren weit weg, daher war die Angst groß, dass Kultur und Religion allmählich in Vergessenheit gerieten. Aber Malick hatte für solche Fälle immer einige Heilmittelchen zur Hand. Er gab Ndeye ein Pulver. Schick es so schnell wie möglich an deinen Sohn. Er soll es dann seiner Frau einmal täglich unters Essen mischen. Ab besten abends. Unterdessen murmelte er einige Gebete und verknotete dabei zwei kleine Päckchen miteinander und knüpfte sie an ein langes Band. Dies schickst du mit. Dein Sohn soll es sechs Wochen lang am Körper tragen. Und zwar ununterbrochen. Er sprach noch ein Gebet und abschließend der leidenden Ndeye Mut zu, die ihm als Zeichen ihrer Dankbarkeit ein Bündel Geldscheine zusteckte.

Es folgte der Tag, an dem Allemand anrief, um zu verkünden, dass Fatou eine Zulassung für die Universität in Strassburg hatte und dass das Dokument bereits auf dem Weg zu ihr sei. Noch den Telefonhörer in der Hand, hüpfte Fatou vor Freude auf und ab. Sie lachte und johlte, weil jetzt endlich ihre Zukunft beginnen konnte. Sie würde es schon allen zeigen. Allemand war noch in der Leitung und musste seine Schwester ziemlich energisch daran erinnern, denn er hatte ihr noch einiges zu sagen. Nachdem sie wieder halbwegs zuhörte, erklärte er ihr, dass sie nun ihr Visum beantragen müsse. Danach würde er sich dann um ein Flugticket kümmern. Fatou erschien die Reihenfolge unlogisch. Erst das Ticket - dann das Visum, gefiel ihr besser. Ein Visum würde sie doch sowieso bekommen und vielleicht würde sie bei der Botschaft noch mehr Eindruck machen, wenn sie bereits ein Ticket vorweisen könnte. Aber ihr Bruder blieb hart, da er wusste, dass ein Visum immer die schwierigste aller Hürden ist.

Nachdem das Zulassungsdokument endlich eingetroffen war, machte sich Fatou unverzüglich auf den Weg nach Dakar. Am übernächsten Tag hatte sie um neun Uhr früh einen Termin. Sie musste bereits am Tag zuvor anreisen und bei ihrer Schwester übernachten, da sie es mit dem Bus von Kaolack aus niemals geschafft hätte. Mit zitternden Knien betrat sie schließlich das schöne Gebäude, genährt von der Hoffnung, dieses mit dem ersehnten Stempel in ihrem Pass wieder verlassen zu können.

Als sie schließlich nach über drei Stunden mit gesenktem Kopf und Tränen in den Augen wieder auf die Straße hinaustrat, konnte sie kaum verstehen, was da soeben passiert war. Nach stundenlanger Wartezeit hatte ein unfreundlicher Beamter ihre Unterlagen geprüft und dann – anstatt endlich diesen Stempel in die Hand zu nehmen – das Visum abgelehnt! Er stellte ihr allerdings in Aussicht, dass sie noch eine Chance hätte, wenn sie eine Unterhaltsbescheinigung vorlegen könnte. Es sollte eine Bescheinigung von einer Person sein, die in der Lage sei, für ihren Lebensunterhalt aufkommen zu können, was selbstverständlich auch zu beweisen wäre. Ohne diese Bescheinigung sei es aussichtslos, teilte er ihr lapidar mit und wandte sich bereits dem nächsten Fall zu.

Fatou besprach die ganze Angelegenheit zunächst mit ihrer Schwester, anschließend gingen beide zu ihrem Onkel, von dem sie sich Rat erhofften. Der Onkel hörte sich die Nöte seiner Nichte an, telefonierte daraufhin mit verschiedenen Personen und kam zu dem Ergebnis, dass nur Allemand oder vielleicht seine Frau eine solche Bescheinigung besorgen könnten. Er hatte bereits für Oumou gebürgt sowie für seinen Sohn, der nun ebenfalls in Frankreich studierte. Da nun sowieso Ferien waren, beschloss Fatou noch ein paar Tage in Dakar zu bleiben, am besten so lange, bis alles geregelt war. Vielleicht gab es ja doch noch Hoffnung.

Am Abend wurde ausgiebig mit Allemand telefoniert. Bei diesem Gespräch erfuhr Fatou, dass ihr Bruder bereits vor einigen Monaten seine Arbeit verloren hatte. Er hätte es ihr nicht erzählt, wenn sie ihn nicht um diese Bescheinigung gebeten hätte. Jetzt verstehe ich, wieso du zu tabaski kein Geld geschickt hast, sagte sie leise. Niemand hier weiß das und Mutter denkt sogar, du hättest uns vergessen. Allemand war enttäuscht und traurig, zumal er im Augenblick genug andere Sorgen hatte. Trotzdem wollte er, dass seine Schwester auch ihre Chance bekommt, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie dann ebenfalls zur Versorgung der Familie beitragen könnte. Mach dir keine Sorgen, sagte er zu Fatou, wir werden das schon irgendwie hinbekommen. Doris hat jetzt Gott sei Dank eine Ganztagsstelle. Sie könnte die Bürgschaft für dich übernehmen.

Während man sich in Dakar mit vereinten Kräften um die Lösung dieses Problems bemühte, wurde in Kaolack wieder der Marabou aufgesucht. Diesmal wurden Ndeyes Forderungen etwas massiver. Doris war immer noch nicht schwanger, so oder so musste jetzt etwas geschehen. Der Marabou gab ihr diesmal mehrere Medikamente, die zu unterschiedlichen Tageszeiten mit viel Flüssigkeit eingenommen werden mussten. Auch mussten zwei Hühner geopfert werden. Allemand musste dies symbolisch übernehmen, indem er seiner Mutter Geld schickte, damit diese zwei Hühner besorgen und dem Marabou aushändigen konnte.

Aber Ndeye war das noch nicht genug. Sie besuchte ihre alte Freundin Binta, um mit ihr einen Tee zu trinken. So lautete zumindest die offizielle Erklärung. Nachdem die Begrüßungszeremonie überstanden war und man sich gegenseitig ausgiebig nach allen Familienmitgliedern erkundigt hatte, rückte Ndeye langsam zum Kern der Sache vor.

Wie geht es eigentlich deiner Tochter Maimouna?

Ahh, gut, danke. Sie ist jetzt neunzehn Jahre alt und ein richtig fleißiges Mädchen.

Neunzehn schon! Mein Gott, ich kann mich noch gut an den Tag ihrer Geburt erinnern. Ist denn schon ein Ehemann in Sicht?

Nein, leider nicht. Sie ist schon ziemlich deprimiert deswegen.

Das kann ich mir gut vorstellen, liebe Binta. Vielleicht sollten wir etwas dagegen tun. Ich könnte mir vorstellen, dass sie meinem Sohn Karim gefallen würde, du weißt doch, das ist der, der in Deutschland lebt und den alle Allemand nennen. Ihm geht es sehr gut dort, er hat studiert und ist Ingenieur und verdient viel Geld.

Ja, aber ist der denn nicht schon verheiratet?

Tja eigentlich schon, allerdings in Deutschland. Seine Frau ist sehr nett, aber sie bekommt anscheinend keine Kinder und das macht einen Mann doch auf Dauer nicht glücklich. Er liebt sie wohl sehr, will sie auf keinen Fall verlassen. Da wird er sofort ganz böse, wenn ich ihn darauf anspreche. Vielleicht hat sie ihn aber auch verhext, wer weiß das schon. Jedenfalls denke ich, wenn er zum Beispiel deine Tochter heiraten würde, dann hätte er sicher bald Kinder, deine Tochter hätte einen Mann und Doris könnte auch verheiratet bleiben. Damit wäre für alle gesorgt.

Binta war noch nicht restlos überzeugt von der Idee, versprach allerdings, darüber nachzudenken und mit ihrer Tochter zu sprechen. Wenn sie ablehnte, wäre die Sache sowieso erledigt.

Ndeye war tatsächlich sehr besorgt um ihren Sohn. Sie konnte sich sowieso nicht ausmalen, wie zwei Leute allein zusammen leben konnten, so ganz ohne die anderen. Und schon gar nicht ohne Kinder. Während sie sich das Leben in Europa vorzustellen versuchte, wurde sie plötzlich durch lautes Geschrei aus ihren Gedanken gerissen. Einige Kinder waren um den Fernseher versammelt und schienen sich über irgendetwas aufzuregen. Sie stand auf, um nachzusehen, was da los war. Auf der Mattscheibe waren nur bunte Streifen zu sehen und einer beschuldigte nun den anderen, den Fernseher kaputt gemacht zu haben. Das sah nicht gut aus. Das Gerät ist auch schon alt und sicher hinüber, dachte sie. Da muss ich heute noch Karim anrufen, damit er uns einen neuen besorgt. Und bei der Gelegenheit kann ich ihn auch gleich daran erinnern, dass ich ein neues Telefon möchte. Ein Telefon ohne Kabel.

Als Karim den Anruf von seiner Mutter bekam und sie ihm erklärte, wie wichtig der Fernseher und das Telefon für die Familie seien und abermals das fehlende Lamm zu tabaski erwähnte, musste er sich sehr beherrschen. Am liebsten hätte er ihr entgegen geschrieen, dass er schon seit Monaten arbeitslos sei und noch nicht wüsste, wie er die teure Autoreparatur finanzieren werde, dass Doris dieses Auto aber dringend bräuchte, um zur Arbeit zu kommen, dass er über 700 Euro Heizkosten nachzahlen müsse und, kurz gesagt, völlig pleite war. Aber das tat er nicht, weil er wusste, dass es sowieso nicht geglaubt wurde, und weil er wusste, dass dieser verdammte Fernseher tatsächlich wichtig war, da er oft die einzige Möglichkeit der Ablenkung darstellte. Und das Telefon war auch wichtig, weil sich seine Mutter nicht mehr so gut bewegen konnte. Er wusste das alles. Darum versprach er ihr, alles zu tun, was er könne, es würde allerdings etwas dauern. Seine Mutter war aber noch nicht fertig. Sie erzählte ihm von dem Besuch bei ihrer alten Freundin Binta und deren hübscher Tochter Maimouna, die immer noch nicht verheiratet war. Daraufhin legte sie eine kleine Kunstpause ein, um dann den finalen Schuss zu platzieren: Du könntest doch Maimouna heiraten, sie ist jung und gesund. Du würdest sicher schon bald Vater werden.

Nach dem Gespräch mit seiner Mutter fühlte Karim sich erst richtig schlecht. Einerseits verstand er die Nöte seiner Familie nur zu gut und würde gerne mehr tun, sofern er die Möglichkeit sähe. Andererseits verfluchte er sie, weil sich in all den Jahren nichts geändert hatte und es auch nicht so aussah, als würde dies in naher Zukunft geschehen. Seit seinem Studium in Köln schickte er unentwegt Geld fürs Essen, für Kühlschränke, für Strom- und Telefonrechnungen, für die Ausbildung seiner Geschwister, für Beerdingungen, Hochzeiten, Taufen, religiöse Feste, für neue Badezimmer, An- und Umbauten und natürlich für die Begleichung jeglicher Krankenhaus- und Arztrechnungen. Es war kein Ende in Sicht, denn er war der älteste Sohn und hatte für die Familie zu sorgen. Und jetzt war da auch noch diese fixe Idee seiner Mutter, ihn mit einer Zweitfrau zu versorgen. Das würde mir jetzt gerade noch fehlen, dachte er und musste fast lachen, so absurd war der Gedanke für ihn. Er erklärte seiner Mutter, dass er absolut kein Interesse daran habe und bat sie, jegliche diesbezüglichen Aktivitäten einzustellen.

Bei allen Problemen, die ihn plagten, konnte er dennoch froh sein, dass seine Frau stets soviel Verständnis für seine Lage aufbrachte. Als er ihr von Fatous Problem berichtete, kümmerte sie sich umgehend um die Bürgschaft und erhielt von ihrer Bank ein Dokument, aus dem hervorging, dass ihr monatliches Einkommen hoch genug sei, um ihrer Schwägerin den Lebensunterhalt zu sichern. Wenigstens das hatte geklappt. Das Dokument war bereits auf dem Weg nach Dakar.

Fatous zweiter Anlauf bei der Botschaft erfolgte unmittelbar nach dem Erhalt der Bürgschaft und war leider wieder erfolglos. Diesmal wurde sie von einer anderen, aber nicht minder unfreundlichen Person abgefertigt. Das Visum wurde endgültig verweigert, trotz ihrer guten Zeugnisse, trotz ihrer nach wie vor gültigen Zulassung für die Universität in Straßburg und trotz dieser Bürgschaft. Dieses Vorgehen sei ganz normal, die Botschaft verfüge über einen Ermessensspielraum, der absolut unanfechtbar sei, wurde der verzweifelten Fatou erklärt. Damit war der Europatraum definitiv ausgeträumt.

In Kaolack war man zwar auch enttäuscht über diese Nachricht, aber so schlimm war das nun auch wieder nicht, so die mehrheitliche Meinung. Wenn Fatou unbedingt studieren wollte, so konnte sie das schließlich auch in Dakar tun und irgendwann würde sie sowieso heiraten und Kinder bekommen. Für Fatou brach allerdings eine Welt zusammen, ihr Traum war erledigt und sie sah keinen Ausweg. Die Einschreibungsfristen für das nächste Semester an der Cheikh Anta Diop Universität in Dakar waren bereits verstrichen, somit gab es für sie außerhalb von Kaolack momentan absolut nichts zu tun. Der letzte Brief ihrer Freundin Oumou trug auch nicht zu ihrer Aufheiterung bei. Sie musste lesen, dass Oumou in Paris sehr einsam war und außer ein paar oberflächlichen Bekanntschaften an der Uni überhaupt keine Kontakte zu anderen hatte. Sie konnte sich das überhaupt nicht vorstellen, denn Oumou war eigentlich sehr kontaktfreudig und kam mit jedem mühelos ins Gespräch. Es war auch der erste Brief, in dem Oumou das Wort Rassismus aussprach und fast verschämt darüber berichtete, wie sie sich um unzählige Studentenjobs beworben hatte, zumeist auch zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wurde, dann aber bei ihrem Erscheinen hören musste, dass die Stelle leider „soeben“ vergeben worden war. Es geschah einfach zu oft, als dass man es als Zufall einstufen konnte, schrieb Oumou.

Zu dieser Zeit schrieb Oumou öfter als sonst. Der nächste Brief verwirrte Fatou noch mehr.

 Liebe Fatou,

ich hoffe, es geht dir gut und du denkst nicht mehr allzu viel über Europa nach. Gräme dich nicht, denn es lohnt sich nicht. Die Menschen hier sind irgendwie oberflächlich. Sie hocken abends alleine in ihren Wohnungen und interessieren sich nicht für andere. Ich bin sehr einsam und würde dieses blöde Studium am liebsten aufgeben. Aber mein Vater besteht darauf, dass ich durchhalte. Er hat mir erzählt, dass es damals noch schlimmer war, weil es nicht so viele Afrikaner hier gab. Bei seinem letzten Besuch hat er mir sogar von seiner ersten großen Liebe erzählt. Es war eine Französin. Sie wohnten zusammen und wollten heiraten. Aber die Familie zu Hause war strikt dagegen. Also musste er seine Verbindung zu ihr lösen und letztendlich hat er dann meine Mutter geheiratet. Ob er sie selber ausgewählt hatte, wollte ich wissen, aber die Frage hat er irgendwie nicht eindeutig beantwortet. Ich habe großes Heimweh und sehne mich sogar nach deiner großen Familie in Kaolack. Weißt du noch, wie wir immer auf deinem Bett gehockt haben und wie sehr uns deine kleinen Geschwister manchmal genervt haben? Wenn ich könnte, würde ich all das sofort gegen das Leben hier eintauschen. Ich werde auf keinen Fall hier bleiben und freue mich jetzt schon auf meine Rückkehr.

Bis bald

Deine liebste Freundin Oumou

Fatou hatte den Verdacht, dass Oumou sie trösten wollte, indem sie Europa einfach nur schlecht machte. Beinahe empört rief sie ihren Bruder in Köln an und erzählte ihm von Oumous Einsamkeit und ihren eigenen Zweifeln, ob das überhaupt zutreffen könne.

Ich weiß schon lange, dass es Oumou schlecht geht, sie wollte bloß nicht, dass du es erfährst, weil sie euren gemeinsamen Traum nicht zerstören wollte. Vielen geht es hier ähnlich, bloß haben die nicht die Aussicht, in ein oder zwei Jahren zurückkehren zu können. Schließlich haben wir hier wie dort eine Familie zu versorgen.

Weißt du eigentlich, dass ich dich immer beneidet habe, weil ich glaubte, du hattest die Wahl und ich nicht. Erst in letzter Zeit habe ich begriffen, unter welchem großen Druck du stehst.

Die Wahl hatte ich eigentlich nie. Als ich damals nach Europa ging, sah ich darin die einzige Möglichkeit mehr für unsere Familie und natürlich auch für mich selbst zu erreichen. Es war keine Wahl, es war einfach nur ein notwendiger Schritt.

Fatou wollte nicht länger untätig sein und schrieb sich für das nächste Semester an der Universität in Dakar ein. Sie zog ins Studentenwohnheim und teilte sich dort ein Zimmer mit zwei anderen Kommilitoninnen. Ihr Studium finanzierte sie weitgehend selbst. Nur äußerst selten musste sie Allemand um Hilfe bitten. Oumou kehrte aus Paris zurück und konnte ihre betriebswirtschaftlichen Fähigkeiten sogleich in der Firma ihres Vaters umsetzen.

Fatou fand nach Beendigung ihres Studiums allerdings nicht so schnell eine Stelle. Eigentlich fand sie überhaupt keine Arbeit, die ihrem Studium angemessen war. Scheinbar bestand im Senegal kein Bedarf an Psychologen. So behielt sie ihre Studentenjobs bei, erledigte zumeist Aushilfstätigkeiten in Büros und pendelte zwischen Kaolack und Dakar hin und her. Mittlerweile war sie fast siebenundzwanzig Jahre alt. Die Probleme in ihrer Familie hatten sich nicht verändert, von einem Leben in Europa träumte sie allerdings nicht mehr. Ndeye hatte sich inzwischen damit abgefunden, dass Allemand keine Zweitfrau wollte und konzentrierte ihre Bemühungen nun ganz auf Fatou, die schon so alt und immer noch unverheiratet war. Auch wusste sie, dass es einen Mann gab, der sich sehr für Fatou interessierte. Er war zwar schon über vierzig Jahre alt, dafür aber recht wohlhabend. Und Fatou schien gar nicht abgeneigt zu sein. Seine zahlreichen Geschenke nahm sie jedenfalls freudig entgegen. Obwohl ihr klar war, dass sie lediglich seine zweite Frau werden könnte, zog sie diese Möglichkeit ernsthaft in Betracht. Ohne Job und ohne Mann würde sie ewig in Kaolack festsitzen. Andererseits hoffte sie immer noch auf einen feste Stelle und ihre Freiheit. Ich habe eigentlich gar keine Wahl, dachte sie und traf ihre Entscheidung.

 
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